Der MiNa-Kolumnist Sven Oliver Rüsche ist Internetexperte, IT-Sicherheitsspezialist und selbstständiger Unternehmer und auch seit 2009 der Herausgeber der Mittelstand-Nachrichten. Nun steigt er auch als MiNa-Kolumnist mit seiner Kolumne „Souverän und Resilient“ in den Ring.
Seit Ende der 1990er Jahre berät und schützt er mittelständische Unternehmen, Verbände und Persönlichkeiten in den Bereichen Cybersecurity, Datenschutz und strategische Digitalisierung. Zudem betreibt er mit der ARKM.group ein Netzwerk aus regionalen wie nationalen Wirtschafts- und Digitalportalen und engagiert sich kommunalpolitisch. Auf mittelstand-nachrichten.de kommentiert er regelmäßig Entwicklungen rund um die digitale Transformation, IT-Sicherheit, Datenschutz (DSGVO) und die strategische Zukunftsfähigkeit des Mittelstands. Seine Schwerpunkte bewegen sich an der Schnittstelle von digitaler Souveränität, Krisenprävention und pragmatischer Unternehmensführung.
Was beschäftigt Sie derzeit am meisten? Was treibt Sie in Ihrem beruflichen Alltag um?
Die erschreckende Sorglosigkeit vieler Unternehmen beim Thema Cybersicherheit und digitaler Eigenschutz. Viele Mittelständler wiegen sich nach wie vor in trügerischer Sicherheit und glauben, sie seien „zu klein“, um ins Visier von Cyberkriminellen zu geraten.
Während Angreifer längst mit hochkomplexen automatisierten Tools, Social Engineering und KI-gestützten Attacken vorgehen, wird in vielen Führungsetagen das Thema IT-Sicherheit immer noch wie eine lästige Pflichtaufgabe behandelt.
Hinzu kommt der unbedarfte Umgang mit der Wolke: Viele Daten wandern unüberlegt in Cloud-Dienste, ohne dass strikte Verschlüsselungs- und Zugriffsprotokolle greifen. Wir erleben täglich, wie fahrlässig mit Datenarchiven, Backups und Zugangsberechtigungen umgegangen wird. Wer heute keine durchdachte Digitalstrategie und keinen funktionierenden Notfallplan hat, verspielt grobfahrlässig die Existenz seines Unternehmens.
IT-Sicherheit ist längst keine reine Aufgabe der IT-Abteilung mehr – sie ist zur existenziellen Chefsache geworden.
Wo liegen aktuell die größten Hindernisse des deutschen Mittelstandes?
Ich sehe vor allem drei zentrale Bremsklötze: den enormen Nachholbedarf bei der grundlegenden Digitalisierung, eine ausufernde Bürokratie sowie fehlendes Bewusstsein für Sicherheitsrisiken in den eigenen Reihen.
Viele mittelständische Betriebe haben die digitale Transformation jahrelang vor sich hergeschoben. Wer heute noch Prozesse auf Papier oder in veralteten Insellösungen verwaltet, verliert im internationalen Wettbewerb den Anschluss. Gleichzeitig lähmte der Gesetzgeber die Betriebe durch überbordende bürokratische Vorgaben. Anstatt Digitalisierung als Beschleuniger zu nutzen, wird sie oft als Verordnungskorsett wahrgenommen.
Ein weiteres massives Problem ist der Faktor Mensch: Ein Großteil erfolgreicher Cyberangriffe gelingt nicht durch technische Lücken, sondern durch Phishing und fehlende Sensibilisierung der Mitarbeiter. Wenn Unternehmen hier nicht kontinuierlich schulen und ihre Belegschaft zu einer wachsamen Sicherheitskultur erziehen, nützt die teuerste Firewall nichts.
Wo liegen aktuell die größten Chancen des deutschen Mittelstandes?
Der deutsche Mittelstand besitzt eine enorme Grundsubstanz: Innovationskraft, Beweglichkeit und echte Inhaberführung. Genau hier liegt die Chance. Wenn kleine und mittlere Unternehmen (KMU) es schaffen, sich die Werkzeuge der digitalen Welt konsequent nutzbar zu machen, können sie am Markt extrem agil agieren.
Das Internet ist in gewisser Weise demokratisch und fair: Es gibt jedem Unternehmen – unabhängig von der Budgetgröße eines Großkonzerns – die gleichen Chancen, sichtbar zu werden und neue Märkte zu erschließen. Wer eine klare Digitalstrategie verfolgt, seine Sichtbarkeit im Netz systematisch ausbaut und gleichzeitig seine IT-Infrastruktur robust absichert, kann sich klare Wettbewerbsvorteile verschaffen. Es braucht mutige Unternehmer, die Digitalisierung nicht als Bedrohung, sondern als Befreiungsschlag begreifen.
Was muss sich dringend ändern in Deutschland, in Europa, in der Welt?
In Deutschland muss die Digitalisierung von Infrastruktur und Verwaltung endlich radikal vereinfacht und beschleunigt werden. Wir brauchen eine Kultur der Prävention statt des bloßen Reagierens im Schadensfall.
In Europa müssen Regelwerke wie die DSGVO oder neue Regularien so gestaltet werden, dass sie dem Mittelstand Rechtssicherheit bieten, ohne ihn mit unpraktikablen Dokumentationspflichten lahmzulegen. Datenschutz muss den Menschen schützen, darf aber nicht das wirtschaftliche Handeln gelähmt hinterlassen.
In der Welt muss sich das Bewusstsein schärfen, dass der digitale Raum das zentrale Schlachtfeld für Wirtschaftspionage und hybride Bedrohungen ist. Unternehmen müssen sich international als digitale Festung aufstellen, um geistiges Eigentum und sensible Kundendaten wirksam zu schützen.
Manches darf auch gerne bleiben, wie es ist. Das zumindest lehrt die Erfahrung.
Was sollte sich aus Ihrer Sicht keinesfalls ändern?
Der persönliche Kontakt und das vertrauensvolle Gespräch von Mensch zu Mensch. Auch im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz, Automatisierung und Cloud-Infrastrukturen bleibt Business am Ende ein Geschäft zwischen Menschen. Das gegenseitige Vertrauen und das Wort eines Ehrbaren Kaufmanns dürfen niemals durch Algorithmen ersetzt werden.
Was bereitet Ihnen persönlich aktuell die größten Sorgenfalten?
Die Sorglosigkeit im Umgang mit Backups und der eigenen Notfallvorsorge. Es gilt immer noch der harte Grundsatz: „Kein Backup – kein Mitleid!“ Es erschreckt mich immer wieder, wie viele Unternehmen trotz täglicher Berichte über Ransomware-Erpressungen kein funktionierendes, isoliertes Backup-Konzept besitzen. Wenn die Daten verschlüsselt sind und das Backup mitbetroffen ist, steht die Existenz auf dem Spiel. Diese vermeidbare Naivität raubt mir im Sinne meiner Kunden manchmal den Schlaf.
Was hat Sie bewogen, Unternehmer zu werden beziehungsweise sich selbständig zu machen? Und was von Ihren damaligen Motiven treibt Sie noch heute an?
Ich habe bereits Mitte der 1990er Jahre meine Leidenschaft für die IT und das Internet entdeckt und mich Ende der 90er Jahre selbstständig gemacht. Mich hat schon damals die Freiheit fasziniert, eigene Ideen eigenverantwortlich umzusetzen, digitale Wege voranzugehen und Unternehmen dabei zu helfen, das Potenzial des Netzes für sich zu nutzen. Dieser Pioniergeist treibt mich bis heute an: Ich möchte Unternehmern die Werkzeuge und das Wissen an die Hand geben, damit sie selbst digital handlungsfähig werden und bleiben.
Was würden Sie heute anders machen als damals? Und: Wie würden Sie die Entscheidung heute treffen, wenn man Sie nochmals fragen würde, ob Sie sich selbständig machen wollen würden?
Ich würde von Tag eins an noch stärker auf klare Fokussierung und die kompromisslose Absicherung der internen digitalen Prozesse setzen. In den Anfangsjahren des Internets probiert man vieles aus. Heute weiß ich, wie essenziell eine klare, strukturierte Digital- und Sicherheitsstrategie ist.
Die Entscheidung zur Selbstständigkeit würde ich jedoch jederzeit wieder genau so treffen – Freiheit und Eigenverantwortung sind unbezahlbar.
Was treibt Sie an, sich jeden Tag Ihren Aufgaben und Herausforderungen zu stellen?
Das Wissen, dass ich mit meiner Arbeit Unternehmen vor echten Katastrophen bewahren kann. Ein verhindertes Datenleck oder eine erfolgreich abgewehrte Cyberattacke sichert im Zweifel nicht nur ein Unternehmen, sondern auch Arbeitsplätze und Existenzen. Dieser Schutzgedanke in Verbindung mit der Freude daran, digitale Sichtbarkeit aufzubauen, motiviert mich jeden Tag aufs Neue.
Was tragen Sie und Ihr Unternehmen zur Gesellschaft bei? Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Gemeinwohl in Ihrer Tätigkeit?
Gute Digitalisierung ist nachhaltig, wenn sie Ressourcen schont, Prozesse effizienter macht und Daten langfristig schützt. Über unsere Medienportale informieren wir den Mittelstand neutral und praxisnah über digitale Chancen und Gefahren. Zudem bringe ich mein Wissen und meine Erfahrung auch ehrenamtlich und kommunalpolitisch ein, um meine Heimatregion fit für die Zukunft zu machen. Digitale Zukunftsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung gehören für mich unrennbar zusammen.
Autorenprofil:
Sven Oliver Rüsche ist Internetexperte der ersten Stunde, Geschäftsführer der ARKM.group und erfahrener Unternehmensberater für Digitalstrategie, Cybersecurity und Datenschutz. Seit 1999 berät er KMUs, Verbände und Persönlichkeiten dabei, wie sie ihre digitale Sichtbarkeit steigern und gleichzeitig ihre IT-Infrastrukturen wirksam vor Cyberrisiken, Datenlecks und Spionage schützen. Als erfahrener Datenschutzbeauftragter navigiert er aktuell über 40 Betriebe sicher durch rechtliche Anforderungen. Darüber hinaus betreibt er eigene Wirtschafts- und Regionalportale, moderiert Fachpodcasts und engagiert sich in der Krisenkommunikation sowie in kommunalpolitischen Gremien für die Unabhängigen Wähler (UWG).



