Lubers Einwurf

Wer soll noch Unternehmer werden? – 500.000 Nachfolger gesucht – und wir vergraulen sie!

Unternehmer Mindset

Kolumne von Thorsten Luber

In Deutschland suchen in den kommenden Jahren mehr als 500.000 Unternehmen einen Nachfolger. Das ist keine Randnotiz für Steuerberater, Banken und Kammern, sondern eine wirtschaftspolitische Großbaustelle. Hinter dieser Zahl stehen funktionierende Betriebe, Arbeitsplätze, Kundenbeziehungen, Know-how, investiertes Kapital und häufig das Lebenswerk einer Unternehmerfamilie. Eine halbe Million Mal wird sich die Frage stellen, ob sich jemand findet, der bereit ist, Verantwortung für solch ein Projekt zu übernehmen. Und während wir genau diese Menschen dringend brauchen, tun Politik und Gesellschaft einiges dafür, ihnen die Lust am Unternehmertum auszutreiben.

Leistungsträger oder Fremdkörper

Mich irritiert dieser Widerspruch zunehmend. Wir beklagen fehlende Nachfolger und behandeln Unternehmertum gleichzeitig wie einen Zustand, den man möglichst eng beaufsichtigen muss. Wer einen Betrieb übernimmt, bekommt heute ohnehin genügend Probleme gratis dazu. Künstliche Intelligenz verändert Geschäftsmodelle, internationale Wettbewerber erhöhen den Druck, der Standort Deutschland verliert an Attraktivität und politische Entscheidungen werden immer schwieriger kalkulierbar. Das wäre Herausforderung genug. Trotzdem wächst parallel ein Missgunst- und Regulierungsapparat, der Unternehmer mit neuen Pflichten beschäftigt und ihnen anschließend erklärt, sie müssten vor allem beweglicher, innovativer und mutiger werden – und der ihnen das Gefühl gibt, eher Fremdkörper als Träger des Systems sein. Das ist absurd.

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Kern des Unternehmertums

Unternehmerische Verantwortung kann man nicht bestellen wie eine staatliche Förderleistung. Wer ein Unternehmen übernimmt, setzt eigenes Geld ein, bindet sich langfristig, übernimmt Verantwortung für Menschen und trifft Entscheidungen, deren Konsequenzen ihn selbst treffen. Genau darin liegt der Kern von Unternehmertum. Wer diese Verantwortung übernehmen soll, muss darauf vertrauen können, dass Eigentum respektiert wird, Leistung Anerkennung findet und politische Rahmenbedingungen nicht nach jeder Wahl neu erfunden werden.

Berlin ist ein Symptom

Berlin zeigt gerade, wie weit wir uns von dieser Selbstverständlichkeit entfernt haben. Dort wird eine Partei stärkste Kraft, die weitreichende Vergesellschaftungen großer privater Wohnungsbestände politisch vorantreibt. Berlin ist für mich kein Sonderfall, über den man sich aus sicherer Entfernung amüsieren kann. Es ist ein Symptom. Wenn Enteignungs- und Vergesellschaftungsdebatten wieder politische Normalität werden, verändert das das gesellschaftliche Verhältnis zu Eigentum. Und wer Eigentum relativiert, trifft irgendwann zwangsläufig auch Unternehmertum. Unternehmerisches Eigentum ist schließlich kein dekorativer Vermögensposten. Es ist die Grundlage dafür, investieren, gestalten und langfristig Verantwortung tragen zu können – für sich und andere.

Grotesker Umgang

Dass Politik gleichzeitig mehr Investitionen fordert, macht die Sache beinahe grotesk. Unternehmer sollen modernisieren, digitalisieren, neue Technologien einsetzen, Arbeitsplätze sichern, Fachkräfte ausbilden und Wachstum schaffen. Gleichzeitig wird ihr Handlungsspielraum enger, ihre Belastung größer und ihr Erfolg schneller zum Anlass für neue Forderungen. Man kann jede einzelne Vorschrift begründen. Unternehmer erleben am Ende trotzdem die Summe. Und die Summe lautet viel zu häufig: Wir brauchen dein Risiko, dein Kapital und deine Verantwortung, aber bitte nach unseren immer detaillierteren Vorgaben.

Verantwortungsträger haben Alternativen

So gewinnt man keine Nachfolger. Diese Menschen sind Unternehmer und in der Regel mit größerer persönlicher Freiheit ausgestattet. Sie haben Alternativen. Ein qualifizierter potenzieller Nachfolger muss keinen mittelständischen Betrieb übernehmen. Er kann angestellt arbeiten, Kapital anders investieren, gründen, ins Ausland gehen oder schlicht ein Leben wählen, in dem er nachts nicht darüber nachdenken muss, ob morgen dreißig, dreihundert oder dreitausend Menschen von seinen Entscheidungen abhängig sind. Wer trotzdem ein Unternehmen übernimmt, entscheidet sich bewusst für Verantwortung. Eine vernünftige Gesellschaft würde alles daransetzen, genau diese Entscheidung attraktiv zu machen. Wir tun derzeit zu häufig das Gegenteil.

Eigentum für Generationen

Gerade Familienunternehmen zeigen, welchen Preis wir dafür zahlen könnten. Sie gehören zu den stärksten Strukturen unserer Wirtschaft, weil dort Eigentum, Entscheidung und Verantwortung eng miteinander verbunden sind. Viele dieser Unternehmen denken in Generationen. Sie bauen Wissen auf, bilden aus, investieren an ihren Standorten und halten Beziehungen zu Mitarbeitern, Kunden und Regionen über Jahrzehnte. Ihr Wert lässt sich deshalb auch nicht auf eine Unternehmensbewertung reduzieren. Mit jedem funktionierenden Familienunternehmen existiert ein Stück wirtschaftlicher Substanz, das sich nach seinem Verlust eben nicht einfach neu gründen lässt.

Und genau diese Substanz steht jetzt zur Übergabe an. Unternehmensnachfolge ist deshalb eine der großen Zukunftsfragen des Mittelstands. Wir feiern Start-ups, reden über Gründergeist und diskutieren darüber, wie Deutschland innovativer werden kann. Gleichzeitig entscheidet sich in Hunderttausenden bestehenden Unternehmen gerade, ob das, was bereits erfolgreich aufgebaut wurde, eine nächste Generation bekommt. Wer diesen Teil übersieht, versteht wirtschaftliche Erneuerung nur zur Hälfte.

Bewahren und gestalten

Eine gute Nachfolge bewahrt kein Museum. Der Nachfolger übernimmt Werte, Wissen, Beziehungen und eine gewachsene Organisation, doch er muss daraus sein eigenes Unternehmen formen. Manche Geschäftsmodelle werden durch künstliche Intelligenz unter Druck geraten, Arbeitswelten verändern sich, Märkte verschieben sich, neue Wettbewerber entstehen. Ein Nachfolger muss deshalb Respekt vor der Vergangenheit mit dem Mut verbinden, Entscheidungen zu treffen, die seinem Vorgänger möglicherweise nicht gefallen hätten. Genau darin liegt unternehmerische Verantwortung.

Auch auf der Abgeberseite verlangt Nachfolge mehr als eine Unterschrift. Wer ein Unternehmen über Jahrzehnte aufgebaut hat, übergibt kein beliebiges Wirtschaftsgut. Er gibt Verantwortung, Macht, Identität und häufig einen erheblichen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte weiter. Viele Unternehmer sind hervorragend darin, Unternehmen aufzubauen und Krisen zu bewältigen. Loslassen gehört für manche zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt. Trotzdem entscheidet sich daran, ob aus einem Lebenswerk Zukunft wird.

580 Seiten Debattenbeitrag

Mit diesen Fragen habe ich mich in den vergangenen Jahren intensiv beschäftigt. Daraus ist nun ein Buch mit mehr als 580 Seiten entstanden. Darauf bin ich stolz. Vor allem hat die Arbeit meinen Blick darauf geschärft, wie viel zu klein wir über Unternehmensnachfolge reden. Steuern, Finanzierung, Recht und Unternehmensbewertung sind wichtig. Entscheidend wird am Ende jedoch, ob Menschen bereit sind, Verantwortung anzunehmen und ob andere bereit sind, sie abzugeben.

Deshalb verstehe ich dieses Buch als Debattenbeitrag. Eine halbe Million anstehende Nachfolgen sind keine technische Aufgabe. Sie stellen uns vor eine gesellschaftliche Frage: Welchen Wert messen wir Unternehmertum eigentlich noch bei?

Unternehmer nicht weiter vergraulen

Wer Nachfolger sucht, muss Unternehmer wollen. Er muss Eigentum respektieren, Verantwortung anerkennen und Menschen den Freiraum geben, Entscheidungen zu treffen, für deren Folgen sie selbst einstehen. Wer Unternehmer dagegen mit immer neuen Vorgaben überzieht, wirtschaftlichen Erfolg unter Generalverdacht stellt und gleichzeitig sogar die Verfügung über privates Eigentum politisch wieder zur Debatte stellt, darf sich über fehlende Nachfolger nicht beklagen.

Eine halbe Million Unternehmen brauchen Zukunft. Wir sollten aufhören, diejenigen zu vergraulen, die sie schaffen sollen.

Über den Autor

Thorsten Luber ist MiNa-Kolumnist, Diplom-Kaufmann sowie Gründer und Inhaber von Luber Consulting, einer spezialisierten Strategieberatung für den Mittelstand in der DACH-Region. Die Beratungsgebiete von Luber Consulting sind Existenzgründung, Wachstum, Strategie sowie Unternehmensnachfolge und Unternehmensverkauf. Thorsten Luber ist Gründer der Nachfolgeinitiative und als „Top-Experte“ durch das „Erfolg Magazin“ ausgezeichnet. Er hat unter anderem Spitzenunternehmen wie BMW, BASF, DHL, Fresenius Medical Care und Boehringer Ingelheim in strategischen Projekten beraten und begleitet. Das in Bonn ansässige Beratungsunternehmen hat mehrere Mitarbeiter und legt besonderen Wert auf eine nachhaltig wirksame Begleitung in Projekten.

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