Berlin/Eschborn – Der Einkauf kann den Wertbeitrag des Unternehmens durch die erfolgreiche Einführung digitaler Technologien zusätzlich steigern. Durch erfolgreiches Krisenmanagement lassen sich die zahlreichen internationalen Störfaktoren durch vorausschauendes Krisenmanagement entlang aller Glieder der Wertschöpfungs- und Lieferkette erfolgreich meistern. Und: Der Einsatz Künstlicher Intelligenz in Einkauf, Logistik und Supply Chain Management schreitet unaufhaltsam voran. KI hilft dem Procurement, seine neue Rolle als Enabler und Brückenbauer zu allen anderen Unternehmensbereichen zu erfüllen. Das waren zentrale Ergebnisse des 54. BME-Symposiums Einkauf und Logistik. Der größte Procurement Summit Europas wurde am Freitag (15.11.) nach dreitägiger Dauer in Berlin beendet. Der Fachkongress stand in diesem Jahr unter dem Motto „#pacesetter“. In der Bundeshauptstadt diskutierten rund 1.800 Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager die mit Industrie 4.0 verbundenen Chancen und Risiken.

Wirtschaft neu denken

„Wollen wir die Gesellschaft verstehen, müssen wir die Wirtschaft neu denken“, sagte Wirtschaftsphilosoph Anders Indset zu Beginn des Abschlussplenums am Freitagmittag. Heute wanderten die Technologien nicht mehr von Mensch zu Mensch, sondern vom Menschen zu den Algorithmen. Die neuen digitalen Technologien seien nach Indsets Meinung „die Antwort auf alle unsere Herausforderungen“. Allerdings „müssen wir über das Verhältnis Mensch-Technik viel intensiver sprechen“, so Indset weiter. Angesichts der globalen Bedrohungen, die von Umweltverschmutzung über den Raubbau an Rohstoffen bis hin zum bevorstehenden Klimakollaps reichten, brauche die Menschheit neue Perspektiven. Indset: „Wollen wir die digitale Gesellschaft verstehen, müssen wir sie neu denken.“ Dazu gehöre aber auch, Fehler machen zu dürfen und eine „Kultur des Scheiterns“ zuzulassen.

„#pacesetter Disrupt yourself! Von „morgen-weg-digitalisiert“ zum Value-Adding-Hero“ war Thema eines hochkarätig besetzten CPO-Panels unter Leitung von Tamara Braun, CPO der SAP SE. Alle Teilnehmer der Expertenrunde – Gundula Ullah (CPO der Funke Mediengruppe GmbH & Co KGaA), Rainer Hoff (CPO Real Estate der Deutsche Telekom AG) und Nikolaus Kirner (CPO der früheren Thomas Cook Group plc) waren sich einig, dass echte Pacesetter nicht nur mutig sind, sondern auch das richtige Tempo zur erfolgreichen Digitalisierung ihrer Unternehmen wählen. Denn, so das Credo der Runde: „Heute fressen die Schnellen die Langsamen; früher die Großen die Kleinen.“ Erfolgreiche Pacesetter sollten nach einhelliger Meinung der CPO bereit sein, zu lernen und die von ihren Teams ausgehende Innovationskraft für den Geschäftserfolg des Unternehmens nutzen. Im Zuge der digitalen Transformation ganzer Wertschöpfungs- und Lieferketten gewinne das Risikomanagement in der Supply Chain eine völlig neue Bedeutung. Der War for Talents werde sich weiter zuspitzen. Deshalb sollte insbesondere der Einkauf noch stärker auf junge Nachwuchskräfte bauen und diesen frühzeitig mehr Verantwortung übertragen.

„Digitalisierung und politische Umwälzungen verändern alles – auch unsere Wirtschaft“, betonte FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner. „Wir befinden uns in einer Art perfektem Sturm. Er führt zu fundamentalen Veränderungen unserer Wertschöpfungsketten, bietet uns allen aber auch neue Möglichkeiten.“ Lindner sparte jedoch auch nicht mit Kritik. So „bedroht der Bürokratismus in Deutschland Freiheit und Wohlstand“. Die Politik müsse seiner Ansicht nach Ingenieuren und Technikern wieder mehr vertrauen. Der Standort Deutschland benötige für eine erfolgreiche Digitalisierung dringend mehr staatliche Investitionen. Doch auch die Wirtschaft investiere noch zu wenig in digitale Geschäftsmodelle, fügte der FDP-Vorsitzende hinzu.

Veränderungen erkennen

Am Mittwoch, dem ersten Kongresstag, hatte BME-Vorstandsvorsitzender Horst Wiedmann in seiner Eröffnungsrede an die Teilnehmer im Plenum appelliert, die Chancen der von Globalisierung und Digitalisierung ausgehenden Veränderungen „zu erkennen und mutig genug zu sein, sie aktiv anzugehen und umzusetzen“. Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager sollten seiner Ansicht nach „nicht abwartendes Opfer der Veränderung, sondern aktive Gestalter des Wandels, also Pacesetter, werden“. Pacesetter seien Schrittmacher und Taktgeber in Sachen Veränderung sowie vielfach die kreativen und mutigen Querdenker und Rebellen. Gerade innovative Unternehmen bräuchten zudem nicht nur Querdenker oder Rebellen, sondern auch Entscheider, die deren Mehrwert erkennen.

„Pacesetter Deutschland? Ideen und Gründer gesucht! Die Zukunft gehört denen, die sie in die Hand nehmen!“, betonte Carsten Maschmeyer, Finanzinvestor, Unternehmer, Berater und Autor, in seiner Keynote. Seiner Ansicht nach „werden die traditionellen Prozesse und Geschäftsmodelle durch die digitale Transformation der Wertschöpfungs- und Lieferketten beerdigt“. Er verwies in diesem Zusammenhang auf eine aktuelle Bertelsmann-Studie. Danach verschlafe der deutsche Mittelstand die Zukunft. Hiesige Unternehmen drohen laut Maschmeyer „im digitalen Zeitalter zurückzufallen“. Sie sollten „Digitalisierung nicht inhouse machen, sondern vielmehr externe Dienstleister nehmen, die out of the box denken“.

Im Anschluss erläuterte Dr. Antje von Dewitz, Chief Executive Officer der Vaude Sport GmbH & Co KG, einem am Bodensee ansässigen Outdoor-Ausrüster, wie „Ökonomie und Ökologie als unternehmerisches Erfolgskonzept Hand in Hand gehen“ können. „Wirtschaften zum Wohle aller“ funktioniere in dem süddeutschen Familienbetrieb, indem Produkte clever entwickelt, Materialien nachhaltig verwendet, fair produziert, umweltfreundlich transportiert werden. „Unsere Textilprodukte sind zudem langlebig und reparierbar sowie recycle- und wiederverwertbar“, fügte von Dewitz hinzu. Vaude setze sich für eine umweltfreundliche Lieferkette ein. Diese führe unter anderem zu jährlichen Einsparungen von 550 Tonnen Abfall, 5.000 Tonnen CO2, 166 Tonnen Klärschlamm, 5.500 m3 Wasser und 18 Millionen kWh Energie. Die im Unternehmen eingesparte Summe für Energie-, Ressourcen- und Materialkosten bezifferte von Dewitz auf jährlich 50.000 Euro.

Auswirkungen von internationalen Krisen

BME-Hauptgeschäftsführer Dr. Silvius Grobosch, verwies auf der traditionellen Pressekonferenz des Verbandes am Mittwoch in Berlin darauf, dass „die Zahl der internationalen Krisen nicht abreißt. Auch in diesem Jahr bestimmen Handelskonflikte, Brexit und weltweite Flüchtlingsströme die Schlagzeilen.“ Die genannten Ereignisse lasteten auf den ohnehin schon fragilen Wertschöpfungs- und Lieferketten. Deshalb sei der Einkauf mehr denn je gefordert, die für seine Beschaffungsaktivitäten relevanten Märkte regelmäßig zu scannen und sein gesamtes Risikomanagement einem kontinuierlichen Stresstest zu unterziehen. Nur dann werde er seiner Rolle als Innovationstreiber im Unternehmen gerecht und zu einem echten Tempomacher. Der BME als Europas führender gemeinnütziger Fachverband für Supply Chain, Einkauf und Logistik habe deshalb „#pacesetter“ zum zentralen Veranstaltungsmotto des diesjährigen Symposiums erklärt.

„Tempomacher im Sinne unseres Verständnisses ist jemand, der den Erfolg des gesamten Teams, unabhängig vom eigenen Wettbewerbserfolg, sicherstellt“, erläuterte Grobosch. Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager seien Schrittmacher im besten Sinne des Wortes; denn sie setzten Trends bei der Einführung neuer digitaler Technologien und Beschaffungsprozesse, denen andere später folgen können. Mit der richtigen Einstellung böten sie Orientierung und Motivation für ihre Teams, um im Wettlauf um Talente, Ressourcen, Innovationen und Know-how vorn zu bleiben.

Am Mittwochvormittag wurde mit der DMG MORI AG der diesjährige Sieger des BME-Innovationspreises gekürt. Der weltweit tätige Hersteller von Werkzeugmaschinen und Anbieter ganzheitlicher Technologielösungen mit einem Jahresumsatz von über 2,6 Milliarden Euro und mehr als 7.500 Mitarbeitern erhielt die bereits zum 31. Mal verliehene Auszeichnung für die erfolgreiche Neuausrichtung seiner Einkaufsstrategie und die damit verbundene konsequente digitale Transformation des Einkaufs.

Quelle: Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME)

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