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Ein Blick über den deutschen Tellerrand: bAV in Europa

Ist eine „Europäisierung“ der Betriebsrente angesichts höchst unterschiedlicher bAV-Märkte realistisch?

Nicht nur die Deutschen müssen privat Vorsorge für die Rente treffen: Auch andere europäische Länder suchen nach Lösungen für die drohende Rentenlücke. Das auf mittelständische bAV-Lösungen spezialisierte Beratungsunternehmen Longial wirft einen Blick auf die Situation der Betriebsrenten in Europa. Welche bAV-Systeme haben sich in den europäischen Mitgliedsstaaten durchgesetzt?

Die bAV-Szene in den Mitgliedsstaaten der EU war stets sehr heterogen: „Kulturelle Unterschiede, überlieferte Traditionen und die von den politischen Parteien definierte Rolle der staatlichen Sozialversicherungsträger bestimmen sowohl Form und Ausgestaltung der privaten als auch der betrieblichen Altersvorsorge“, erläutert Dr. Paulgerd Kolvenbach, Geschäftsführer der Longial. Wo der Staat sich um die Vorsorge seiner Bürger durch ein staatliches System kümmert, hat die bAV eine entsprechend geringere Bedeutung und deren steuerliche Förderung ist eingeschränkt. Steuerliche Anreize für die betriebliche und private Vorsorge bieten dagegen die Länder, die sich traditionell nur um eine Basisversorgung seiner Bürger kümmern – wie zum Beispiel Großbritannien. Der gebräuchlichste Durchführungsweg in diesen Ländern ist der Pensionsfonds („pension fund“).

Höhe der Pensionsvermögen in der EU

Wie groß die Unterschiede dieser Vorsorgephilosophien innerhalb der EU sind, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie zur Höhe der Pensionsvermögen von „Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung“ in den einzelnen Mitgliedsländern für die Jahre 2011 bis 2013. Auftraggeber ist die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung, EIOPA (European Insurance and Occupational Pensions Authority). „Die absoluten Zahlen gewinnen an Vergleichbarkeit, wenn man sie ins Verhältnis zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt (BIP) setzt“, erklärt Dr. Kolvenbach: Danach spielt die bAV in den Niederlanden die bedeutendste Rolle: Mit knapp 1 Billion Euro Anlagevermögen der betrieblichen Pensionsfonds entspricht dies ca. 170 Prozent des BIP. Der in absoluten Zahlen größte bAV-Markt ist traditionell Großbritannien: Auf Basis der EIOPA-Angaben und ergänzender Recherchen der Longial ergeben sich für 2013 Deckungsmittel in Höhe von ca. 2,4 Billionen EUR. Das entspricht einer BIP-Quote von 130 Prozent. Es folgt Irland mit 60 Prozent, dann mit großem Abstand Portugal (9 Prozent), Norwegen (7,5 Prozent) und – gleichauf mit Italien – Deutschland (6 Prozent).

Besonderheiten in Deutschland

Allerdings zählen gemäß der Definition der EIOPA in Deutschland nur die Pensionskasse und der Pensionsfonds zu den sogenannten EbAVs (Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung), nicht jedoch die drei weiteren Durchführungswege Direktzusage, Direktversicherung und Unterstützungskasse. Daher sind diese Wege in der Vergleichsübersicht nicht enthalten. Nimmt man deren Deckungsmittel hinzu, ergibt sich eine Summe von insgesamt 520 Mrd. Euro Anlagevermögen. Dies entspricht einer Quote von 18 Prozent – ein Zehntel dessen, was gemessen am BIP in den Niederlanden an Mitteln zur Altersvorsorge vorhanden ist. „Die Quote spiegelt deutlich die von Politikern und Gewerkschaften beklagte zu geringe Verbreitung der bAV in Deutschland wider“, so der Longial Geschäftsführer.

Vereinheitlichung erfordert Abstimmung

Die bAV-Landschaft in Europa ist sehr unterschiedlich. Bestrebungen der EU-Kommission, die bAV zu vereinheitlichen und zu vereinfachen, erfordern daher langwierige und schwierige Abstimmungsprozesse. „Als Ergebnis sind daher höchstens grobe Rahmenbedingungen möglich“, kommentiert Dr. Kolvenbach. Diese zielen dann in erster Linie auf die grenzüberschreitende Portabilität erworbener bAV-Anwartschaften und eine Angleichung der arbeitsrechtlichen Bedingungen ab.

Veröffentlicht von:

Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: [email protected]
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