Kolumne von Steffi Faigle
Die Forderung nach einer Zuckersteuer kehrt in regelmäßigen Abständen zurück. Angesichts steigender Zahlen bei Übergewicht, Diabetes und anderen ernährungsbedingten Erkrankungen erscheint der Gedanke zunächst nachvollziehbar. Wer Produkte mit hohem Zuckergehalt verteuert, könnte den Konsum senken und damit langfristig die Gesundheit der Bevölkerung verbessern. Darüber kann man durchaus diskutieren.
Trotzdem hinterlässt die aktuelle Debatte einen merkwürdigen Eindruck. Weniger deswegen, weil der Gedanke einer Zuckersteuer grundsätzlich falsch wäre, sondern weil die Diskussion an entscheidenden Stellen unausgegoren wirkt und dadurch den möglichen gesundheitspolitischen Nutzen eher beschädigt als fördert.
Warum nur Cola, Limo und Co.?
Schon die Auswahl der betroffenen Produkte wirft Fragen auf. Im Mittelpunkt stehen vor allem zuckerhaltige Erfrischungsgetränke. Cola, Limonaden und Energydrinks werden regelmäßig als Beispiele genannt. Doch warum eigentlich nur diese? Ein Glas Apfelsaft enthält häufig ähnlich viel Zucker wie ein Glas Cola. Viele Smoothies erreichen vergleichbar hohe Werte. Zahlreiche vermeintlich gesunde Getränke liefern erhebliche Mengen Zucker und Kalorien, ohne dass sie im Zentrum der politischen Debatte stehen.
Wer tatsächlich den Zuckerkonsum der Bevölkerung reduzieren möchte, müsste die Frage deutlich breiter stellen. Dann geht es nicht mehr nur um Softdrinks, sondern auch um Süßwaren, Frühstücksprodukte, Fruchtjoghurts, Backwaren, Fertiggerichte und zahlreiche weitere Lebensmittel. Die Konzentration auf einzelne Produkte wirkt deshalb weniger wie ein durchdachtes gesundheitspolitisches Konzept als vielmehr wie der Versuch, ein komplexes Problem auf einen leicht verständlichen Sündenbock zu reduzieren.
Bekämpft Symptome statt Ursachen
Dabei liegt die eigentliche Ursache ohnehin nicht in der Flasche. Menschen nehmen nicht zu, weil es Cola gibt. Sie nehmen deswegen zu, weil Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress, Gewohnheiten und Lebensstil aus dem Gleichgewicht geraten. Übergewicht entsteht in den meisten Fällen nicht durch ein einzelnes Produkt, sondern durch Verhaltensmuster, die sich über Jahre hinweg entwickeln. Wer diesen Zusammenhang ignoriert, bekämpft Symptome statt Ursachen.
Widersprüchliche Debatte
Noch widersprüchlicher wird die Debatte, wenn man die Ernährungspolitik insgesamt betrachtet. Der Staat diskutiert heute über zusätzliche Abgaben auf einzelne Produkte, setzt aber gleichzeitig nur begrenzte Anreize für eine gesündere Ernährung. Frisches Obst und Gemüse werden nicht grundsätzlich bevorzugt oder niedriger besteuert. Hochverarbeitete Lebensmittel sind häufig günstiger, bequemer verfügbar und allgegenwärtig. Billiges Fleisch dominiert vielerorts den Markt. Wer Prävention wirklich ernst meint, müsste deshalb ein deutlich umfassenderes Maßnahmenbündel diskutieren als lediglich eine Steuer auf Limonaden. Der Staat zeigt hier Aktionismus, den er auf der anderen Seite konterkariert.
Nur Symbolmaßnahmen
Eine konsequente Gesundheitspolitik würde nicht nur verteuern, sondern gleichzeitig gesündere Entscheidungen erleichtern. Sie würde Ernährungsbildung stärken, die Rahmenbedingungen in Schulen und Betrieben verbessern und die Frage stellen, warum viele Menschen überhaupt zu stark verarbeiteten Produkten greifen. Solange diese Zusammenhänge ausgeblendet werden, entsteht der Eindruck, dass weniger die Gesundheit der Menschen als vielmehr einzelne Symbolmaßnahmen im Vordergrund stehen.
Prävention oder fiskalisch motiviert?
Die Debatte findet zudem zu einem Zeitpunkt statt, an dem die sozialen Sicherungssysteme unter erheblichem finanziellem Druck stehen. Kranken- und Pflegeversicherung kämpfen mit steigenden Ausgaben, Beitragsanhebungen werden diskutiert, an vielen Stellen wird über Einsparungen gesprochen. In einer solchen Situation wird jede neue Abgabe zwangsläufig auch unter fiskalischen Gesichtspunkten betrachtet. Der Eindruck, hier sollen primär neue Steuerquellen erschlossen werden, drängt sich auf, ganz gleich, ob dem so ist oder nicht.
Selbst eine gut gemeinte gesundheitspolitische Maßnahme verliert an Überzeugungskraft, wenn der Eindruck entsteht, sie solle vor allem zusätzliche Einnahmen generieren. Die Menschen fragen dann nicht mehr, ob eine Maßnahme gesundheitlich sinnvoll ist. Sie fragen, welches Finanzierungsproblem damit gelöst werden soll. Gesundheitspolitik, die erkennbar aus Kassennot geboren wird, hat deshalb regelmäßig ein Akzeptanzproblem.
Unvollständig, widersprüchlich und schlecht begründet
Genau deshalb sollte die Diskussion ehrlicher geführt werden. Die Frage lautet nicht, ob Zucker gesundheitliche Risiken birgt. Das ist wissenschaftlich weitgehend unstrittig. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen geeignet sind, das Problem tatsächlich zu lösen. Wer nur einzelne Getränke verteuert, ohne die grundlegenden Ursachen ungesunder Ernährung anzugehen, wird kaum nachhaltige Veränderungen erreichen.
Die Zuckersteuer könnte Teil einer ernsthaften Präventionsstrategie sein. Als isolierte Maßnahme wirkt sie jedoch unvollständig, widersprüchlich und politisch schlecht begründet. Wer Gesundheit wirklich fördern will, muss mehr bieten als eine neue Steuer. Er braucht ein schlüssiges Gesamtkonzept, das Ursachen bekämpft statt Symptome und das Gesundheitspolitik nicht erst dann entdeckt, wenn die Kassen leer sind.
Autorenprofil:
Steffi Faigle ist MiNa-Kolumnistin und blickt auf eine 30-jährige Diätgeschichte zurück. Die gebürtige Schwäbin und zertifizierte Ernährungsberaterin erkannte im Laufe ihrer eigenen schier endlosen Abnehmreise, dass Essen nicht die Wurzel ihres Gewichtsproblems ist. Sie beendete ihre Leidensgeschichte mit einer ganz neuen Herangehensweise. Heute ist Steffi Faigle erfolgreich als Autorin, Coach, Podcasterin und Speakerin tätig und begleitet mit ihren Coaching-Programmen tausende Frauen dabei, aus dem permanenten Diäten- und Jo-Jo-Wahnsinn auszubrechen. Sie ermöglicht ihren Klientinnen, ohne Verzicht schlank zu werden und dauerhaft schlank zu bleiben. Der Diätindustrie mit ihren falschen Versprechen und unlauteren Methoden sagt sie mutig den Kampf an. Ihre Mission: „Kalorien können mich mal“.

