Steffi Faigle: Kalorien können mich mal

Für wen wird das eigentlich alles verpackt?

Das System fördert Verschwendung oder Völlerei

eine Kolumne von Steffi Faigle

Es gibt manchmal diese kleinen Momente im Alltag, in denen man spürt, dass irgendetwas nicht mehr zusammenpasst. Ich meine nicht die großen politischen Fragen, nicht die Schlagzeilen, nicht die Weltkrisen. Die sind schlimm genug. Ich meine den Blick in das Kühlregal eines Supermarktes. Dort steht der ältere Herr mit einem Becher Kartoffelsalat, der groß genug ist, um eine Gartenparty auszurichten. Daneben die alleinlebende Frau vor dem Familienpack Frischkäse. Und irgendwo zwischen Drei-Liter-Saft, Zwölferpack Joghurt und XXL-Salatmix stellt sich leise eine Frage: Für wen wird das eigentlich alles verpackt? Eine Frage, die mich nicht nur am Kühlregal triggert, sondern überall im Lebensmitteleinzelhandel – von der Obstabteilung bis zur Tiefkühltruhe, von süßen und salzigen Snacks bis zu den Konserven.

Älter, Single, Alleinlebend und zum „wegtuppern“ gezwungen

Deutschland wird älter, und Deutschland wird weniger, zumindest in Sachen Bevölkerung. Die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt seit Jahren, viele ältere Menschen leben allein oder zu zweit, Familien mit drei Kindern sind längst nicht mehr die statistische Norm, sondern eher die wirklich seltene Ausnahme. Man sollte also annehmen, dass sich der Alltag und mit diesem das Konsumverhalten dieser Realität anpasst. Dass also Produkte kleiner, Mengen überschaubarer, Portionen vernünftiger werden. Doch wer durch einen gewöhnlichen Supermarkt geht, erlebt das Gegenteil: Die Packungen wirken, als würde hinter jeder Wohnungstür noch immer eine hungrige fünfköpfige Familie sitzen.

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Ältere Menschen essen weniger. Das ist physiologisch so vorgesehen. Alleinstehende möchten immer seltener Vorräte haben, schon gar nicht möchten sie Reste „wegtuppern“ müssen. Der Bedarf nach kleineren Packungen und geringeren Mengen ist also objektiv vorhanden.

Der moderne Kunde lebt allein, kauft aber weiterhin in Gebinden wie ein Vorratsverwalter des Wirtschaftswunders.

Das ist mehr als nur eine Randnotiz des Konsums. Es ist ein Beispiel dafür, wie träge große Systeme auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren – oder präziser: wie wenig sie sich für diese Veränderungen interessieren, solange die betriebswirtschaftliche Rechnung stimmt. Denn die Packungsgröße im Supermarkt entsteht nicht aus sozialer Fürsorge, sondern aus industrieller Logik. Größere Mengen sind für Hersteller günstiger abzufüllen, einfacher zu kalkulieren und für den Handel ertragreicher auf der Fläche. Der Kunde sieht den niedrigeren Kilopreis, fühlt sich als kluger Käufer und nimmt die größere Einheit mit, obwohl er innerlich längst weiß, dass die Hälfte davon in drei Tagen welk, trocken oder unansehnlich im Kühlschrank liegen wird. Kleinere Einheiten sind meist gar nicht vorhanden, und wenn doch, dann relativ viel teuer.

Der Supermarkt verkauft nicht nur Lebensmittel. Er verkauft das Gefühl wirtschaftlicher Vernunft – selbst dort, wo objektiv Verschwendung entsteht.

Das ist die eigentliche Absurdität: Seit Jahren wird über Nachhaltigkeit gesprochen, über bewussteren Konsum, über Lebensmittel, die nicht weggeworfen werden sollen. Ministerien, Umweltverbände und Verbraucherschützer mahnen einen sorgsameren Umgang an. Gleichzeitig zwingt uns dieselbe Konsumarchitektur in Mengen, die an vielen Lebensrealitäten vorbeigehen. Wer allein lebt, muss oft zwischen zu viel und noch mehr wählen. Die kleine, bedarfsgerechte Einheit ist nicht selten teurer oder gar nicht vorhanden. Sparen darf, wer viel kauft. Wer vernünftig einkaufen möchte, zahlt drauf, weil kleinere Einheiten nun einmal teurer sind.

Es ist die bekannte Logik unserer Zeit: Nicht das Sinnvolle wird belohnt, sondern das Systemkonforme.

Dabei erzählt das Kühlregal noch eine zweite Geschichte. Es zeigt, wie sehr Wirtschaft an Bildern festhält, die gesellschaftlich längst verblassen. Irgendwo scheint noch immer die Vorstellung vom klassischen Haushalt mitzuschwingen: Eltern, Kinder, gemeinsames Abendbrot, planbarer Wocheneinkauf, hoher Grundverbrauch. Nur lebt ein wachsender Teil der Bevölkerung anders. Unregelmäßiger. Kleiner. Individualisierter. Viele essen weniger, kochen seltener, entscheiden spontaner, werfen schneller weg, weil Packungsgrößen und tatsächlicher Bedarf nicht zusammenfinden. Der moderne Single geht häufig draußen essen oder bestellt beim Lieferdienst. Ältere Menschen können sich Vorräte oft gar nicht leisten, nicht nur finanziell, sondern logistisch. Wer soll denn die großen Packungen schleppen und lagern?

Man könnte deshalb sagen: Der Supermarkt des Jahres 2026 ist in manchen Regalen noch immer ein Supermarkt des Jahres 1988.

Das mag nebensächlich erscheinen. Ist es aber nicht. Denn an solchen Details zeigt sich, wie weit wirtschaftliche Routinen und gesellschaftliche Realität auseinanderdriften können. Wir reden viel über altersgerechte Städte, barrierefreie Mobilität und neue Wohnformen. Vielleicht müsste man gelegentlich auch über altersgerechte Joghurtbecher sprechen. Über kleinere Salatportionen. Über halbierte Frischepackungen. Über einen Handel, der nicht nur auf den größten Warenkorb, sondern auf die tatsächlichen Lebensverhältnisse seiner Kunden blickt.

Bis dahin bleibt dem Single im Supermarkt nur die Wahl zwischen Verschwendung und Völlerei. Und beides ist bekanntlich keine wirklich zeitgemäße Konsum- und Ernährungsstrategie.

Autorenprofil:

Steffi Faigle ist MiNa-Kolumnistin und blickt auf eine 30-jährige Diätgeschichte zurück. Die gebürtige Schwäbin und zertifizierte Ernährungsberaterin erkannte im Laufe ihrer eigenen schier endlosen Abnehmreise, dass Essen nicht die Wurzel ihres Gewichtsproblems ist. Sie beendete ihre Leidensgeschichte mit einer ganz neuen Herangehensweise. Heute ist Steffi Faigle erfolgreich als Autorin, Coach, Podcasterin und Speakerin tätig und begleitet mit ihren Coaching-Programmen tausende Frauen dabei, aus dem permanenten Diäten- und Jo-Jo-Wahnsinn auszubrechen. Sie ermöglicht ihren Klientinnen, ohne Verzicht schlank zu werden und dauerhaft schlank zu bleiben. Der Diätindustrie mit ihren falschen Versprechen und unlauteren Methoden sagt sie mutig den Kampf an. Ihre Mission: „Kalorien können mich mal“.

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