
Der „Besserverdienende“ zahlt wieder die Zeche
Zeit zu handeln, solange es noch geht
Kolumne von Sven Jobusch
Die Reformpläne für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und die Empfehlungen der Rentenkommission haben auf den ersten Blick eher wenig miteinander zu tun. Tatsächlich erzählen sie aber dieselbe Geschichte. Die Sozialversicherungssysteme geraten zunehmend unter finanziellen Druck. Und immer dann, wenn neue Milliarden benötigt werden, richtet sich der Blick zuverlässig auf dieselbe Gruppe: Selbstständige, Unternehmer, Geschäftsführer und gutverdienende Arbeitnehmer, Menschen also, die ihre Existenz selbst aufgebaut haben, Risiken tragen, Arbeitsplätze schaffen und häufig ohnehin schon deutlich höhere Beiträge zahlen als der Durchschnitt. In deren Taschen hat der Staat seine Hände besonders gern.
Argumente von gestern
Seit Jahren beobachte ich diese Entwicklung als Versicherungsmakler. Ebenso lange höre ich dieselben Argumente gegen die private Krankenversicherung (PKV). Sie sei im Alter unbezahlbar. Die gesetzliche Krankenversicherung sei die sicherere Wahl. Ein Wechsel könne noch warten. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass viele Menschen die Entscheidung pro GKV inzwischen mit Argumenten treffen, die nicht mehr zur Realität passen. Schlechtere Leistungen, ein hohes Maß an Fremdbestimmung und systemische Willkür sind nur einige Aspekte, die meine Einschätzung stützen.
Die Rechnung geht immer an dieselben
Wer die aktuellen Reformvorschläge aufmerksam liest, erkennt schnell die Richtung. Die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung soll auf eine breitere Basis gestellt werden. Beitragsbemessungsgrenzen steigen und zusätzliche Belastungen werden diskutiert. Neue Finanzierungswege werden gesucht. Das alles geschieht vor dem Hintergrund milliardenschwerer Defizite und einer demografischen Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren kaum umkehren wird.
Für Unternehmer ist das keine überraschende Entwicklung. Jeder weiß, dass ein System mit dauerhaft steigenden Ausgaben irgendwann mehr Geld benötigt. Ärgerlich ist vielmehr, wer die Rechnung am Ende präsentiert bekommt. „Besserverdiener“ sind aus Sicht des Systems nicht die, die aufgrund ihrer Leistung mehr verdienen, sondern die, von denen man es vermeintlich immer holen kann. Der Begriff suggeriert Privilegien. Tatsächlich beschreibt er immer häufiger die Rolle des Zahlmeisters. Dass „starke Schultern“ mehr tragen sollen ist längst kein faires Prinzip mehr. Vielmehr ist es zum geflügelten Wort für eine Enteignung geworden, die sich sowohl im Steuersystem als auch in den Sozialversicherungssystemen vollzieht.
Das eigentliche Risiko
Ein freiwillig gesetzlich versicherter Selbstständiger mit Familie erreicht heute bereits Größenordnungen von rund 15.000 Euro Jahresbeitrag für Kranken- und Pflegeversicherung. Die geplanten Änderungen zeigen deutlich, dass diese Belastung kaum ihren Höchststand erreicht haben dürfte. Gleichzeitig wird immer noch so getan, als sei ausschließlich die private Krankenversicherung ein finanzielles Risiko. Genau das halte ich inzwischen für den eigentlichen Irrtum. Die Verunglimpfung der PKV überdeckt, dass die GKV die viel gravierenderen Probleme hat und diese nur allzu gern auf ihre Versicherten überträgt.
Seit Jahrzehnten wird über steigende PKV-Beiträge gesprochen. Über steigende GKV-Beiträge sprechen inzwischen aber vor allem die Beitragsbescheide, die Jahr für Jahr und Reform für Reform bei den Versicherten eingehen.
Private ist kein Schreckgespenst
Die private Krankenversicherung ist deshalb längst nicht mehr das Schreckgespenst, als das sie häufig dargestellt wird. Moderne Tarife bieten Altersrückstellungen, Beitragsentlastungsmöglichkeiten und vertraglich vereinbarte Leistungen. Vor allem aber bieten sie vielen Unternehmern und Selbstständigen die Möglichkeit, ihre Gesundheitsversorgung eigenverantwortlich und selbst aktiv zu gestalten, statt jede politische Entscheidung passiv und ohne Alternative hinnehmen zu müssen.
Natürlich passt die PKV nicht zu jedem Menschen. Gesundheit, Alter, Familiensituation und persönliche Lebensplanung spielen eine entscheidende Rolle. Genau deshalb gehört jede Entscheidung sorgfältig geprüft. Wer allerdings grundsätzlich wechseln könnte und die Entscheidung seit Jahren aus Gewohnheit vor sich herschiebt, sollte die aktuellen Entwicklungen zum Anlass nehmen, seine Haltung zu überdenken. Jetzt ist noch Zeit, und vielleicht ist jetzt auch die Zeit des letzten Auswegs.
Wer gestalten kann, sollte gestalten
Unternehmer gestalten ihre Finanzierung, ihre Altersvorsorge und ihre Vermögensstruktur. Sie analysieren Risiken, solange sie noch Einfluss darauf haben. Sie warten nicht darauf, dass sich Rahmenbedingungen verschlechtern und Handlungsspielräume kleiner werden.
Genau das geschieht derzeit im Gesundheitswesen. Unternehmerische Tugenden sind jetzt mehr denn je gefragt. Es kann teuer werden – und irreversibel.
Die geplante exorbitante Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze ab 2027 könnte die Wechselmöglichkeit für gutverdienende Angestellte für immer verschließen, und die geplanten zusätzlichen Beiträge für bislang in der GKV kostenlos mitversicherte Familienmitglieder den Wechsel in die Private zusätzlich attraktiv machen. Der Beitrag in der Gesetzlichen dürfte jedenfalls um einige hundert Euro steigen.
Ende der Fahnenstange nicht erreicht
Zudem: Niemand weiß heute, wie die gesetzliche Krankenversicherung in zehn oder fünfzehn Jahren aussehen wird. Sicher ist lediglich, dass die Finanzierung schwieriger wird und die Politik nach zusätzlichen Einnahmen sucht. Das Ende der Fahnenstange ist nach dieser Reform wahrscheinlich noch nicht erreicht. Ebenso sicher ist, dass ein Wechsel in die private Krankenversicherung mit zunehmendem Alter oder gesundheitlichen Einschränkungen schwieriger werden kann.
Wer heute noch gestalten kann, sollte deshalb nicht darauf hoffen, dass morgen alles einfacher wird. Im Gegenteil, es wird eher noch ungemütlicher.
Der Irrtum der kommenden Jahre
Die größte Überraschung der kommenden Jahre könnte am Ende eine ganz andere sein als viele erwarten: Vielleicht stellt sich heraus, dass nicht die private Krankenversicherung das größere Risiko war, sondern die Gewissheit, in der gesetzlichen Krankenversicherung werde schon alles irgendwie so bleiben, wie man es seit Jahrzehnten kennt.
Autorenprofil:
Der MiNa-Kolumnist Sven Jobusch ist unabhängiger Finanz- und Versicherungsmakler. Als geprüfter Fachwirt für Finanzen und Versicherungen ist er auf Gewerbekunden, Selbstständige und Freiberufler spezialisiert. Seine Mandanten schätzen insbesondere seinen Fokus auf strategische Vorsorge- und Vermögensplanung sowie Krisenprävention und Krisenintervention. Er gilt als Finanzarchitekt und jemand, der Unternehmen und Unternehmer vor und in Krisen schützt – insbesondere in Sachen Vermögen. In seiner Kolumne gibt er Finanzwissen weiter und beschäftigt sich mit den Themen Vorsorge, Resilienz und Krisenabsicherung.

