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Wenn tonnenschwere Lasten sich wie von Geisterhand bewegen

UNTERNEHMEN | TECHNIK & INNOVATION

Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton führt die Börkey GmbH in vierter Generation. Das Hagener Familienunternehmen ist der Erfinder des industriellen Wälzwagens – und beweist, dass mittelständische Ingenieurskunst auch im Zeitalter der Digitalisierung unverzichtbar bleibt.

Es gibt Produkte, deren Funktionsprinzip so überzeugend ist, dass es sich über Jahrzehnte kaum verändert – weil es schlicht perfekt ist. Der Wälzwagen der Börkey GmbH aus Hagen ist so ein Produkt. Seit über 80 Jahren entwickelt und seit 1951 in Serienfertigung rollt er tonnenschwere Maschinen, Hochöfen und Brückenteile durch Fabrikhallen, über Baustellen und durch Werften – auf jedem Kontinent der Erde.

Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton, Geschäftsführer in vierter Generation, erklärt, warum dieses alte Prinzip heute aktueller ist denn je – und wo Digitalisierung dem Schwerlasttransport neue Dimensionen eröffnet.

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Das Rollen-Prinzip: Uralt und revolutionär zugleich

Wer Thomas Börkey zum ersten Mal nach seinem Produkt fragt, bekommt eine Antwort, die verblüfft: „Stellen Sie sich vor, Sie müssen eine 500-Tonnen-Maschine durch eine Fabrikhalle bewegen – ohne Kran, ohne großen Aufwand. Genau dafür sind wir da.“

Das Herzstück des Unternehmens ist der Wälzwagen Express, ein mechanisches Flurfördergerät, das auf einem Prinzip basiert, das so alt ist wie die Menschheitsgeschichte: Rollen minimieren Reibung. Bereits beim Bau ägyptischer Pyramiden sollen tonnenschwere Steinblöcke auf Holzrollen verschoben worden sein. Der entscheidende Innovationsschritt von Walter Börkey – dem Urgroßvater des heutigen Geschäftsführers – war die Erfindung des industriellen Wälzwagens im Jahr 1945. Ab 1951 nahm das Unternehmen die Serienproduktion in Hagen auf. Die zentrale technische Idee: Die Rollen wurden zu einer Kette verbunden. Wer hinten frei wird, wandert automatisch wieder nach vorn – kein manuelles Umsetzen mehr, kein Unfallrisiko durch lose rollende Stahlzylinder.

„Das Prinzip klingt einfach – aber dahinter steckt hohe Ingenieurskunst. Und es funktioniert seit über 80 Jahren.“

— Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton

Die Physik ist dabei atemberaubend: Bei optimalen Bedingungen und großem Rollendurchmesser genügen weniger als drei Prozent der Gesamtlast als Antriebskraft. Eine Maschine mit 100 Tonnen Gewicht lässt sich mit gerade einmal drei Tonnen Schubkraft in Bewegung setzen. Bei kleineren Rollengrößen liegt der Reibungswert etwas höher – zwischen drei und sieben Prozent der Last, je nach Modell und Einsatzbedingung. „Das ist kaum zu glauben, aber es ist Physik“, sagt Börkey – und man spürt, dass ihn dieser Satz auch nach Jahrzehnten noch begeistert.

Digitalisierung: Nicht das Produkt ändert sich – die Anforderungen

Wer glaubt, ein Unternehmen mit einem über 80 Jahre alten Kernprodukt sei in der digitalen Transformation außen vor, irrt. Thomas Börkey sieht die Entwicklung differenziert – und strategisch.

„Die Grundphysik ändert sich nicht“, stellt er klar. „Eine Tonne bleibt eine Tonne, und das Gesetz der Reibung gilt auch in 50 Jahren noch. Das lässt sich nicht wegdigitalisieren.“ Was sich aber grundlegend wandele, seien die Anforderungen an Präzision, Dokumentation und die Integration in digitale Planungs- und Bauprozesse.

Kunden verlangen heute mehr als das Produkt selbst: CAD-Dateien für BIM-Modelle (Building Information Modeling), Laststudien in digitaler Form, technische Beratung schon in der Planungsphase. Börkey nennt das „Engineering-Know-how als Kernleistung“. Das physische Produkt wird zur Verlängerung eines digitalen Beratungsprozesses.

„Das Engineering-Know-how wird wichtiger als das Produkt selbst. Wir verkaufen keine Rollen – wir lösen Bewegungsprobleme.“

— Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton

Ein wachsendes Feld sind motorisierte und automatisierte Fahrwerke – Lösungen für Anwendungen, bei denen Lasten regelmäßig und präzise verfahren werden müssen, etwa in Werften, auf Flugplätzen oder in automatisierten Fertigungsstraßen. Sensortechnik, Steuerungsintegration, definierte Fahrwege: Hier trifft jahrhundertealte Mechanik auf Industrie 4.0.

Foto: Wälzwagen Model IN - Bildquelle: Börkey GmbH
Foto: Wälzwagen Model IN – Bildquelle: Börkey GmbH

Sonderkonstruktionen: Wenn Standardlösungen nicht reichen

Rund die Hälfte des Geschäfts der Börkey GmbH entfällt auf Sonderkonstruktionen – individuelle Lösungen, die weit über das Katalogprodukt hinausgehen. Seit 1951 wurden über 3.000 Wälzwagen-Sonderdesigns entwickelt. Kein Projekt gleicht dem anderen – und genau das ist der Kern der Börkey-Kompetenz.

Ein eindrucksvolles Beispiel: Sonderlösungen für Blow-Out-Preventer auf Bohrinseln. Das sind jene gewaltigen Sicherheitsventile, die bei Erdölbohrungen das unkontrollierte Ausströmen von Gas oder Öl verhindern – und im Notfall innerhalb von Sekunden funktionieren müssen.

„Wenn ein Kunde anruft und sagt: Ich muss einen BOP auf einer Bohrinsel bewegen, bei minus 20 Grad, in hochkorrosiver Umgebung, nach langen Stillstandszeiten – und das Ding muss im Notfall zu hundert Prozent funktionieren – dann fängt es bei uns an, spannend zu werden“, erzählt Börkey. Sonderwerkstoff, Spezialversiegelung, definierte Wartungsintervalle: Jedes dieser Projekte ist ein neues Ingenieursrätsel.

Für Offshore-Anwendungen entwickelt Börkey ausnahmslos Sonderanfertigungen: mit mehrschichtiger Offshore-Lackierung, sämtlichen beweglichen Teilen in Edelstahl und Zertifizierungen nach DNV GL, ABS oder Lloyd’s Register. Zwischen 1981 und 2020 lieferte das Unternehmen rund 200 Offshore-Wälzwagen an Betreiber von Bohrinseln weltweit – und hält heute 13 aktive DNVGL-Typzulassungen.

Weitere Spezialanwendungen: Tribünen in Fußballstadien, die per Wälzwagen saisonabhängig verschoben werden; Kernkraftwerkskomponenten mit extrem engen Toleranzanforderungen; Präzisionspositionierung von Großgeräten am CERN in Genf; Brückenbauteile für die längsten und höchsten Brücken der Welt.

Referenzprojekte: Eine stille Weltkarriere in Zahlen

Die Projektliste der Börkey GmbH liest sich wie eine Chronik des globalen Ingenieurbaus der letzten Jahrzehnte:

2012 lieferte Börkey 92 Wälzwagen à 150 Tonnen Tragfähigkeit für die Multifunktionsarena Stade de Lille in Frankreich – der komplette Basketball-Court lässt sich seither auf Wälzwagen saisonabhängig im Fußballstadion verschieben. 2014 folgten mehr als 700 Wälzwagen à 40 Tonnen Tragfähigkeit für die 48,5 Kilometer lange Sheikh Jaber Al-Ahmad Al-Sabah Causeway Bridge in Kuwait – jeder Wälzwagen legte dabei rund 64 Kilometer im Einsatz zurück. Im selben Jahr: 37 Wälzwagen für die 800 Meter lange A11-Brücke Brügge-Westkapelle in Belgien.

2015 kamen 12 Wälzwagen à 200 Tonnen Tragfähigkeit für die Mekong-Brücke in Südostasien. 2017 lieferte Börkey 400 Schwerlastrad-Zwillingseinheiten à 30 Tonnen für Flugzeughangar-Tore. 2019 folgten 90 Wälzwagen à 100 Tonnen Tragfähigkeit für die Çanakkale 1915-Brücke über die Dardanellen – heute mit 2.023 Meter Hauptspannweite die längste Hängebrücke der Welt. 2022 schließlich: 48 Wälzwagen à 350 Tonnen Tragfähigkeit und 12 Radsätze à 90 Tonnen Tragfähigkeit für die Jauntal-Brücke in Kärnten, Europas höchste Eisenbahnbrücke.

Hinzu kommen: die AMETI Panmure Bridge in Auckland, die A45 Talbrücke Rahmedetal, Voestalpine sowie Anwendungen in der Kerntechnik – und aktuell das wohl bedeutendste Infrastrukturprojekt Europas.

Fehmarnbelt: Made in Hagen für das größte Infrastrukturprojekt Europas

Das vielleicht beeindruckendste Referenzprojekt der jüngeren Firmengeschichte ist der Fehmarnbelt-Tunnel – nach Fertigstellung der längste Absenktunnel der Welt, 18 Kilometer unter der Ostsee, geplante Eröffnung 2031. Ein EU-Projekt von historischer Dimension, das Skandinavien und Mitteleuropa dauerhaft enger verbindet.

Börkeys Wälzwagen sind nicht dazu da, die fertigen Tunnelelemente zu verschieben – auch wenn sie das technisch leisten könnten. Sie kommen im eigens errichteten Produktionswerk zum Einsatz, wo die 217 Meter langen und je 73.000 Tonnen schweren Betonröhren gefertigt werden. Jede Bewegung im Produktionsprozess, jede Positionierungsaufgabe – der Wälzwagen Express ist dabei.

„Produkte aus Hagen sind Teil eines Bauwerks, das auf 120 Jahre ausgelegt ist. Das ist eine stille Weltkarriere.“

— Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton

Mittelstand als Stärke – nicht trotz, sondern wegen der Größe

Thomas Börkey ist überzeugt: Die Qualitäten, die sein Unternehmen stark machen, sind keine Schwächen der Größe – sie sind Wettbewerbsvorteile.

Flache Hierarchien bedeuten: Kunden erreichen den Geschäftsführer direkt – per Telefon, E-Mail, Messenger oder Videocall. Keine Warteschleifen, kein Ticketsystem. „Große Bauprojekte können sich keine Lieferausfälle leisten. Und wir können vieles unbürokratisch möglich machen, was ein Großkonzern nicht kann.“

100 Prozent Familienbesitz bedeutet: Entscheidungen werden in Generationen gedacht, nicht in Quartalen. Investitionen werden getätigt, wenn sie sinnvoll sind – nicht wenn sie den nächsten Quartalsbericht aufhübschen. Und Nein sagen ist erlaubt, wenn ein Projekt nicht zum Unternehmen passt. „Wir sind kein Katalog-Anbieter“, sagt Börkey. „Wir sind der Spezialist für professionelle Anwender, die hohe Belastbarkeit und dauerhafte Zuverlässigkeit verlangen. Das ist eine Investition – kein Verbrauchsgut.“

Was Börkey aber auch klar benennt: Die wachsende Bürokratisierung trifft KMU besonders hart. „Manchmal hat man das Gefühl, das Papier ist wichtiger als das Produkt.“ Ein Satz, den wohl viele Mittelständler in Deutschland kennen.

Was bleibt: Physik, Präzision und echte Probleme

Was treibt einen Unternehmer an, der täglich mit Produkten arbeitet, deren Funktionsprinzip auf eine Erfindung von 1945 zurückgeht? Thomas Börkeys Antwort ist überraschend lebendig:

„Der tägliche Umgang mit echten Situationen. Kein simuliertes Problem im Planungsbüro – sondern jemand ruft an und sagt: Wir müssen in drei Wochen einen 200-Tonnen-Transformator durch eine Türöffnung bewegen, die nur 200 Millimeter zusätzlichen Spielraum in der Höhe hat. Was macht ihr?“

Jedes Projekt ist ein Rätsel. Und wenn später die Nachricht kommt, dass der Tunnel am Fehmarnbelt planmäßig weitergebaut wird oder die Brückenverschiebung in Auckland erfolgreich war – und man weiß, dass Hagen daran beteiligt war – dann, sagt Börkey, ist das ein Gefühl, das kein Aktienpaket ersetzen kann.

Digitalisierung hin oder her: Die Welt braucht Menschen und Unternehmen, die Schweres in Bewegung bringen.

Börkey GmbH – Auf einen Blick

Gegründet 1945 in Hagen, Nordrhein-Westfalen
Geschäftsführer Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton und Christian Börkey (4. Generation)
Kernprodukte Wälzwagen (seit 1951), Schwerlasträder, Rollenfahrwerke, Sonderkonstruktionen
Fertigung 100 % Made in Germany, Hagen
Eigentümerstruktur 100 % Familienbesitz
Sonderkonstruktionen Ca. 50 % des Geschäfts | >3.000 Wälzwagen-Sonderdesigns seit 1951
Einsatzbereiche Brückenbau, Stahlindustrie, Werften, Offshore, Kerntechnik, Flugplätze, Forschung
Offshore-Zertifizierungen DNV GL, ABS, LRS | 13 aktive DNVGL-Typzulassungen
Referenzprojekte (Auswahl) Fehmarnbelt-Tunnel | CERN Genf | Çanakkale 1915-Brücke | Sheikh Jaber Causeway Kuwait | Jauntal-Brücke Kärnten | Stade de Lille | AMETI Panmure Bridge Auckland | A45 Talbrücke Rahmedetal | Voestalpine
Kontakt www.boerkey.com  |  info@boerkey.com  |  +49 2331 303085

Mittelstand Nachrichten | Redaktion Technik & Innovation

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