Warum uns der Fokus auf Unterschiede der Gleichberechtigung nicht näherbringt
Ich bekomme immer wieder Einladungen. Auf LinkedIn, über WhatsApp, per Mail oder auch ganz persönlich. Und oft lese ich Begriffe, die ganz klare Trennlinien ziehen. Hier die eine Gruppe, dort die andere. Es fühlt sich an, als müssten wir vor jedem Austausch erst einmal definieren, aus welchem Lager wir eigentlich sprechen.
Psyche schlägt Gleichberechtigung?
Tja, so ticken wir Menschen halt, richtig? Wir müssen alles kategorisieren. Was zusammengehört, hält zusammen. In Sportvereinen, Glaubensgemeinschaften, Nationen. Hautfarben. Oder eben auch in Geschlechtern. Aus evolutionärer Sicht macht das Gehirn hier nur seinen Job: Es nutzt die Differenzierung als kognitives Werkzeug, um Komplexität zu reduzieren. Indem wir Schubladen bauen, sparen wir geistige Energie. Doch im modernen Miteinander wird dieses Werkzeug zum Problem. Denn je feiner wir die Trennlinien zwischen Gruppen nachzeichnen, desto unsichtbarer wird das Fundament, auf dem wir uns eigentlich begegnen.
Was aber alle gemeinsam haben, wird durch diesen Fokus auf die Differenzierung oft komplett ausgeblendet: Es sind alles Menschen.
Das ist die größte Gemeinsamkeit, die wir überhaupt haben können. Alles andere trennt. Und genau das wird uns oft zum Verhängnis.
Gelbe Autos und blaue Flecken
Natürlich gibt es Unterschiede im Leben und in der Businesswelt rein faktisch. Niemand leugnet historische Ungleichheiten oder biologische Gegebenheiten. Das bedeutet aber nicht, dass man sie permanent als das primäre Merkmal betiteln muss. Und vor allem: dass man sie im Kopf immer weiterdenken muss. Wenn wir uns nur noch über das Trennende definieren, aktivieren wir einen psychologischen Mechanismus – die selektive Wahrnehmung. Unser Gehirn filtert die Realität dann so, dass es in jeder Interaktion nur noch die Bestätigung für den Unterschied sucht. #yellowcar. Hast Du jemals so viele gelbe Autos gesehen, wie in der Zeit, als dieser verrückte Trend aufkam?
Wer mit dem Filter „Wir gegen Die“ in ein Meeting geht, wird jede Geste und jedes Wort genau durch diese Brille interpretieren.
Gewagte These: Was, wenn Du einen Mann als Mensch siehst? Und eine Frau auch? Wenn Du mit dieser Gleichheit in Gespräche gehst? Und jede Ungleichbehandlung nicht sofort reflexartig auf einen bestehenden Unterschied zurückführst? Was passiert, wenn wir Missverständnisse einfach mal als das verbuchen, was sie meistens sind – zwischenmenschliche Reibung, unabhängig vom Chromosomensatz?
Unsere Gedanken erschaffen unsere Realität
Ja, in der Wirtschaft gibt es historisch gewachsene Ungleichgewichte. Aber was, wenn Du in diese Welt eintauchst und sie für Dich im Geiste nicht in zwei Lager aufteilst? Wenn das andere tun, ist das ihr gutes Recht. Aber musst Du das auch tun? Wer ständig betont, anders zu sein, darf sich nicht wundern, wenn er auch anders behandelt wird.
In vielen Büchern und Coachings lernt man immer wieder, dass die Kraft der Gedanken für die Qualität Deines Lebens verantwortlich ist. Fokus lenkt Energie. Das gilt für Individuen genauso wie für Gesellschaften.
Noch eine gewagte These: Was kreieren wir durch unsere Gedanken, wenn wir den Fokus ständig auf das Trennende legen? Gleichheit? Oder füttern wir damit nicht genau das System, das wir eigentlich überwinden wollen? Indem wir die Differenzierung auf die Spitze treiben, betonen wir die Unterschiede doch noch viel mehr.
Wahre Gleichberechtigung entsteht nicht, indem wir die Trennlinien immer feiner nachzeichnen und neue, vermeintlich geschützte Räume für einzelne Kategorien schaffen. Sie entsteht, wenn wir die Filter abbauen. Wenn wir aufhören, in ihnen zu denken, und den Mut haben, dem Menschen gegenüber einfach als Mensch zu begegnen.
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Autorenprofil:
MiNa-Kolumnistin Svenja Fischer ist Inhaberin der Marketingagentur The Brand Office (TBO) und Expertin für authentische Markenentwicklung. Mit einem interdisziplinären Hintergrund aus Mathematik, Design, Journalismus und Wirtschaftspsychologie verbindet sie analytisches Denken mit einem tiefen Verständnis für Menschen und Geschichten.
Ihr Fokus liegt auf echter Markenidentität: Gemeinsam mit ihrem Team und dem eigens entwickelten DEEP-Modell hilft sie Unternehmen und Führungskräften, ihre wahre Essenz sichtbar zu machen – klar, glaubwürdig und ohne Fassade.
Svenja Fischer schreibt über Markenidentität, authentische Führung und die Kraft von Echtheit im Business und im Leben.

