Freiheitsberaubung durch Food Noise
Wer ständig ans Essen denkt, ist nicht frei
Kolumne von Steffi Faigle
Freiheitsberaubung durch Food Noise
Eine Frau (oder ein Mann) führt ein Unternehmen, entscheidet über Personal, Budgets und Investitionen, verhandelt mit Banken, Kunden und Geschäftspartnern. Beim Abendessen sitzt sie vor der Dessertkarte und beginnt zu rechnen. Was gab es mittags? Wie viele Kalorien hatte das Hauptgericht? War gestern nicht schon der Wein? Vielleicht morgen kein Frühstück. Vielleicht heute noch eine Runde auf dem Laufband. Vielleicht besser gar kein Dessert. Eine halbe Stunde zuvor ging es um Entscheidungen mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen. Jetzt bekommt ein Stück Schokoladenkuchen eine Bedeutung, die ihm objektiv kaum zusteht.
Darin zeigt sich, wie weit sich das Thema Essen bei vielen Menschen in den Alltag hineingeschoben hat. Es begleitet sie durch den Tag, kommentiert Entscheidungen, bewertet Verhalten und erzeugt Regeln, deren Ursprung häufig Jahrzehnte zurückliegt. Essen ist längst verzehrt und beschäftigt den Kopf trotzdem weiter. Die nächste Mahlzeit ist noch Stunden entfernt und wird trotzdem bereits geplant. Ein Restaurantbesuch beginnt mit der Speisekarte im Internet. Vor einer Einladung wird tagsüber weniger gegessen, nach einem üppigen Abendessen folgt der Vorsatz, am nächsten Tag besonders diszipliniert zu sein. Im Urlaub steht neben Wetter, Hotel und Programm die Sorge im Raum, mit welchem Gewicht man wieder nach Hause kommt.
Aufdringliches mentales Kreisen um Essen, Mengen, Verbote und Gewicht
Für dieses Phänomen hat sich der Begriff Food Noise etabliert. Er beschreibt kein normales Nachdenken über Mahlzeiten und auch keinen gewöhnlichen Appetit. Gemeint ist ein wiederkehrendes, teilweise aufdringliches mentales Kreisen um Essen, Mengen, Verbote, Gewicht und die Frage, wie sich Gegessenes anschließend ausgleichen lässt. Die Gedanken drängen sich immer wieder in den Vordergrund, unabhängig davon, ob gerade körperlicher Hunger besteht oder überhaupt eine Entscheidung über Essen ansteht. Sie erzeugen eine Art innere Dauerpräsenz des Themas. Lebensmittel werden gedanklich bewertet, Mahlzeiten vorweggenommen, nachträglich analysiert und mit früheren oder kommenden Mahlzeiten verrechnet. Genau diese fehlende Ruhe im Kopf ist der Kern von Food Noise.
Im Alltag entsteht daraus eine unsichtbare Parallelhandlung. Während gearbeitet, gereist, diskutiert oder gefeiert wird, läuft im Hintergrund eine zweite Ebene mit. Darf ich das essen? Sollte ich lieber verzichten? Wie viel hatte ich heute schon? Was bedeutet das für morgen? Wie bekomme ich das wieder ausgeglichen? Das Problem liegt weniger in der einzelnen Frage als in ihrer Beharrlichkeit. Wer sich einmal über ein Abendessen Gedanken macht, erlebt noch keinen Food Noise. Kritisch wird es dort, wo Essen einen Teil der Aufmerksamkeit dauerhaft besetzt und der Kopf immer wieder zu diesem Thema zurückkehrt, obwohl gerade etwas völlig anderes wichtig wäre.
Arsenal an Regeln
So wird aus dem eigentlich einfachen und natürlichen Vorgang des Essens ein kompliziertes Projekt. Kaum eine alltägliche Tätigkeit ist mit so vielen Regeln, Ideologien, Versprechen und moralischen Bewertungen versehen. Kohlenhydrate gelten eine Zeit lang als Problem, später Fett, Zucker oder bestimmte Uhrzeiten. Frühstück wird zur wichtigsten Mahlzeit des Tages erklärt und einige Jahre später zum Hindernis beim Intervallfasten. Menschen, die früher Hunger hatten und gegessen haben, analysieren heute Blutzuckerspitzen, Essensfenster und Makronährstoffe. Mit jeder neuen Ernährungsidee wächst das Arsenal an Regeln, nach denen eine eigentlich selbstverständliche Tätigkeit organisiert werden soll.
Solche Regeln liefern dem Food Noise immer neues Material. Wer Lebensmittel in erlaubt und verboten einteilt, muss ständig prüfen, auf welcher Seite der Grenze sich die nächste Entscheidung befindet. Wer Essen mit Disziplin verbindet, bewertet jede Mahlzeit zugleich als Aussage über sich selbst. Wer nach Ausnahmen sofort an Kompensation denkt, verlängert die gedankliche Beschäftigung weit über das eigentliche Essen hinaus. Aus Hunger, Appetit und Genuss entsteht ein permanentes Managementsystem, das ständig Entscheidungen produziert.
Food Noise bestimmt den Tag
Die Folgen reichen weit über die Frage hinaus, was auf dem Teller liegt. Wer täglich zahlreiche kleine Entscheidungen rund um Essen trifft, beschäftigt einen Teil seiner Aufmerksamkeit fortlaufend mit diesem Thema. Die Gedanken bleiben während der Arbeit, auf Reisen, bei Feiern oder im Gespräch mit anderen Menschen präsent. Sie beanspruchen geistige Energie und verändern damit auch die Art, wie jemand seinen Tag erlebt, plant und entscheidet.
Schuldgefühle und Ausgleichsrituale
An diesem Punkt berührt Food Noise einen Freiheitsbegriff, der tiefer reicht als die bloße Möglichkeit, zwischen Salat und Pasta zu wählen. Freiheit besteht auch darin, über die eigene Aufmerksamkeit verfügen zu können, Entscheidungen aus den eigenen Bedürfnissen heraus zu treffen und Situationen zu erleben, ohne dass ein verinnerlichtes Regelwerk ständig mitentscheidet. Wer formal alles essen dürfte, sich innerlich aber an Verbote, Schuldgefühle und Ausgleichsrituale gebunden fühlt, verfügt nur eingeschränkt über diese Freiheit. Die Grenzen liegen dann nicht auf der Speisekarte, sondern sind längst in den eigenen Kopf gewandert.
Gerade deshalb ist die Frage nach Food Noise auch eine Frage nach Selbstbestimmung. Selbstbestimmung setzt voraus, dass ein Mensch unterscheiden kann, was er tatsächlich will und welchen Regeln er lediglich folgt, weil sie sich über Jahre verfestigt haben. Bei Ernährung verschwimmt diese Grenze leicht. Ein vermeintlich freiwilliger Verzicht kann längst zum Automatismus geworden sein. Die Entscheidung gegen das Dessert fühlt sich vernünftig an, obwohl sie möglicherweise aus Angst, Kontrolle oder einem lange eingeübten Schuldgefühl entsteht. Je selbstverständlicher solche Mechanismen werden, desto weniger werden sie überhaupt noch als Einschränkung wahrgenommen.
Einschränkung auch ohne äußeren Zwang
Freiheit hat zudem mit verfügbaren Möglichkeiten zu tun. Wer Einladungen meidet, weil dort gegessen wird, Reisen nach gastronomischen Unsicherheiten beurteilt, Restaurantbesuche vorher durchkalkuliert oder spontane Situationen als Belastung empfindet, verkleinert schleichend den eigenen Handlungsspielraum. Niemand verbietet den Besuch, niemand verhindert die Reise, niemand schreibt die Bestellung vor. Trotzdem werden Optionen verworfen, weil das innere Ernährungssystem sie zu aufwendig, riskant oder belastend erscheinen lässt. Einschränkung funktioniert dann ohne äußeren Zwang.
Damit bekommt Food Noise auch eine soziale Dimension. Essen ist Teil von Begegnung, Kultur, Gastfreundschaft und Gemeinschaft. Wer bei einem Abendessen gedanklich mehr mit Mengen, Kalorien und Folgen beschäftigt ist als mit seinem Gegenüber, ist nur teilweise in der Situation anwesend. Wer bei einer Feier bereits die Konsequenzen für den nächsten Tag plant, erlebt den Moment unter Vorbehalt. Freiheit bedeutet in solchen Situationen auch Präsenz: die Fähigkeit, dort zu sein, wo man gerade ist, ohne einen Teil der Aufmerksamkeit ständig an ein Kontrollsystem abzugeben.
Das fällt besonders bei Menschen auf, die in anderen Lebensbereichen ausgesprochen souverän handeln. Sie tragen Verantwortung, treffen schwierige Entscheidungen, lösen komplexe Probleme und akzeptieren Unsicherheit als selbstverständlichen Bestandteil ihres beruflichen Alltags. Beim Essen gelten mitunter Regeln von zunehmend absoluter Starrheit. Ein Lebensmittel wird zum Risiko, ein Abendessen zum Kontrollverlust, eine Zahl auf der Waage zum Maßstab für den vergangenen Tag. Dieselbe Person, die im Beruf erhebliche Unwägbarkeiten aushält, versucht beim eigenen Körper eine Sicherheit herzustellen, die dort kaum erreichbar ist.
Diäten drehen am Lautstärkeregler
Viele dieser Muster entstehen früh. Die erste Diät beginnt mitunter schon in der Jugend, später folgen weitere Konzepte, Verbote und Versuche, den Körper durch Disziplin zu steuern. Über die Jahre wächst das Wissen über Ernährung beträchtlich. Kalorienwerte sind bekannt, Lebensmittel werden automatisch eingeordnet, die Prinzipien verschiedenster Diäten könnten aus dem Stand erklärt werden. Gleichzeitig kann das Vertrauen in den eigenen Umgang mit Hunger, Sättigung und Genuss immer weiter abnehmen. Am Ende weiß jemand sehr genau, wie er vermeintlich essen sollte, und ist bei kaum einer alltäglichen Tätigkeit unsicherer als beim Essen selbst.
Jede weitere Diät kann dieses System zusätzlich stabilisieren. Eine neue Regel bestätigt, dass Essen gesteuert werden müsse. Ein Verbot verleiht dem verbotenen Lebensmittel zusätzliche Bedeutung. Wer nach einer üppigen Mahlzeit bereits den Ausgleich für den nächsten Tag plant, behandelt ein gewöhnliches Abendessen wie einen Vorgang, der korrigiert werden muss. Nach Jahren solcher Erfahrungen wird verständlich, weshalb manche Menschen ihrem eigenen Appetit kaum noch trauen und gleichzeitig einen erheblichen Teil ihres Tages damit verbringen, ihn zu kontrollieren. So drehen Diäten und Diäterfahrungen am Lautstärkeregler.
Es fehlt nicht an Wissen, sondern an Selbstbestimmung
Mehr Wissen über Ernährung löst dieses Problem nur begrenzt. Viele Betroffene verfügen davon längst mehr als genug. Entscheidend ist, welchen Stellenwert Essen im eigenen Denken bekommen hat und wie viel Entscheidungsmacht diesem Thema inzwischen eingeräumt wird. Eine Mahlzeit kann einfach eine Mahlzeit sein, ein Dessert Teil eines Abends, ein Urlaub eine Zeit, in der der Alltag ohnehin andere Regeln kennt. Mit jeder Situation, die wieder ohne innere Verhandlung möglich wird, wächst der eigene Handlungsspielraum ein Stück.
Schluss mit dem inneren Tribunal
Darin liegt der eigentliche Gewinn. Freiheit zeigt sich als Souveränität über die eigene Aufmerksamkeit, als Bereitschaft zur Spontanität und als Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ohne anschließend vor einem inneren Tribunal Rechenschaft abzulegen. Sie zeigt sich auch darin, einem guten Essen Bedeutung geben zu können, ohne ihm Macht über den restlichen Tag zu übertragen. Wer diese Freiheit zurückgewinnt, verändert weit mehr als sein Essverhalten. Er erweitert den Raum, in dem das eigene Leben wieder nach eigenen Maßstäben stattfinden kann.
Gesundheit und Ernährung verdienen Aufmerksamkeit. Sie sollten den Alltag nicht dauerhaft organisieren. Ein vernünftiger Umgang mit Lebensmitteln kann selbstverständlich, genussvoll und unspektakulär werden. Wer ein gutes Essen genießen und sich danach wieder anderen Dingen zuwenden kann, gewinnt etwas zurück, das durch jahrelange Kontrolle leicht verloren geht: Verfügung über die eigene Zeit, die eigene Aufmerksamkeit und die eigenen Entscheidungen. Genau darin liegt Freiheit.
Autorenprofil:
Steffi Faigle ist MiNa-Kolumnistin und blickt auf eine 30-jährige Diätgeschichte zurück. Die gebürtige Schwäbin und zertifizierte Ernährungsberaterin erkannte im Laufe ihrer eigenen schier endlosen Abnehmreise, dass Essen nicht die Wurzel ihres Gewichtsproblems ist. Sie beendete ihre Leidensgeschichte mit einer ganz neuen Herangehensweise. Heute ist Steffi Faigle erfolgreich als Autorin, Coach, Podcasterin und Speakerin tätig und begleitet mit ihren Coaching-Programmen tausende Frauen dabei, aus dem permanenten Diäten- und Jo-Jo-Wahnsinn auszubrechen. Sie ermöglicht ihren Klientinnen, ohne Verzicht schlank zu werden und dauerhaft schlank zu bleiben. Der Diätindustrie mit ihren falschen Versprechen und unlauteren Methoden sagt sie mutig den Kampf an. Ihre Mission: „Kalorien können mich mal“.
