Kein anderes Alltagsmaterial steht derzeit unter einem ähnlich heftigen medialen, politischen und gesellschaftlichen Beschuss wie Kunststoff. Was alle drei Gruppierungen oft ignorieren, ist, dass Kunststoff sich in einigen Lebens- und Unternehmensbereichen schlicht nicht mit der Leichtigkeit weg-verbieten lässt, wie viele es sich für Einkaufstüten wünschen. Und das sind beileibe nicht nur Nischen-Anwendungen wie beispielsweise Medizin oder Raumfahrt, sondern alltägliche Dinge, die jeden Verbraucher betreffen.

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1. Elektrische Isolation

Wenn überhaupt etwas für die nahe und mittelfristige Zukunft gesichert ist, dann, dass sie in einem noch viel größeren Maß elektrifiziert sein wird als unsere Gegenwart. Und mit jedem Zentimeter Kabel, jeder Leuchte, jeder Leiterplatine wird deshalb automatisch auch der Kunststoffbedarf zunehmen.

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Denn es gibt schlicht kein Material, das eine dermaßen schlechte (im positiven Sinn) elektrische Leitfähigkeit mit einer notwendigen Flexibilität und dauerhaften Haltbarkeit verbindet. In den Frühtagen der Elektrifizierung bestanden Kabel-Ummantelungen aus heute haarsträubend unsicher wirkendem Stoff. Für das Innenleben von Steck- und Verteilerdosen kam Porzellan bzw. Keramik zum Einsatz.

Doch sobald in Form von Bakelit der erste tatsächlich synthetische Kunststoff entdeckt worden war, begann schon der Wechsel. Natürlich, mittlerweile bringen einige (Edel-)Hersteller wieder Porzellan-Steckdosen und -Lichtschalter. Das ist aber designtechnischer Zeitgeist, kein Versuch, vom Kunststoff in der Elektrik wegzukommen. Der ist aus heutiger Sicht unersetzlich, schon weil es kein anderes ähnlich schlechtleitendes Material gibt, das dennoch so flexibel Kabel ummanteln könnte.

2. Hygienische Verpackungen

Wunsch und Realität liegen oft weit auseinander, so auch im Verpackungsbereich. Geht es nach vielen Umweltschützern, würde per politischem Fingerschnipp jede Kunststoffverpackung sofort aus dem Supermarktregal verbannt werden.

Die Realität, das gab selbst die Süddeutsche Zeitung schon vor einigen Jahren zu, sieht hingegen deutlich nüchterner aus. Da ist Kunststoff notwendig, weil es das einzige Material ist, das zu einem tragbaren Preis eine dauerhafte Abschottung gegen Keime gewährleistet.

Karton, Wachspapier, Jutebeutel… das alles sind keine tauglichen Materialien, um darin Zahnpasta, Nudeln und Co. dauerhaft zu lagern. Selbst metallische Konservendosen werden aus dem gleichen Grund innen mit Kunststoff beschichtet. Tatsächlich hat das Material sogar erfreuliche Wachstumsraten zu vermelden – in Form der Laminattube, die derzeit für alles, was pastös ist, immer beliebter wird. Der Grund ist die hohe Hygiene und Abschottung gegen Umwelteinflüsse. Und: Weil es sich um ein Laminat-, kein Vollmaterial handelt, wird dennoch weniger Kunststoff eingesetzt.
Auch hier gilt: Überall, wo etwas lange hygienisch einwandfrei, aber robust verpackt sein muss, gibt es keine Alternative zum Kunststoff.

3. Fahrzeugbau

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In den späten 1960ern hatte ein typisches Massen-Auto wie der Opel Kadett B je nach Ausführung ein Leergewicht zwischen 750 und 900 Kilogramm. Würde ein heutiges Fahrzeug derartige Werte auf die Waage bringen, wären die Begeisterungsstürme der Fachpresse unüberhörbar.

Dann wir leben in einer Welt, in der Mobilität immer schwerer wird:

  • VW Golf VII: 1200 – 1600kg
  • VW ID.3: 1700 – 1900kg (Elektrofahrzeug)
  • Renault Zoe: 1500 – 1600kg (Elektrofahrzeug)
  • Toyota Corolla: 1400 – 1600kg (Hybridfahrzeug)
  • Smart Fortwo ED: 1000kg (Elektrofahrzeug)

Selbst der kleine zweisitzige Renault Twizy, ebenfalls ein reiner Stromer, bringt es auf ein Leergewicht von knapp 500 Kilogramm – ohne Heizung und vollwertige Seitentüren.
Das soll keine Kritik an Elektroautos sein, bloß erklären, was es auch hier mit Kunststoff auf sich hat. Der erwähnte Opel Kadett war nicht nur mangels Ausstattung so leicht, sondern auch deshalb, weil er in Sachen Crashsicherheit aus heutiger Sicht eine Zumutung ist.

Und ganz gleich, wohin sich unsere Mobilität zukünftig auch noch bewegen wird, Kunststoff ist darin ein zentraler Bestandteil, der sich nicht wegsubtrahieren lässt. Das liegt an den einzigartigen Materialeigenschaften. Kunststoff ist ein enorm leichtes Material, je nach Sorte kommt er auf Materialdichten zwischen 0,9 und bis auf wenige Ausnahmen 1,3 Gramm pro Kubikzentimeter – bei reinem Aluminium sind es 2,7 Gramm.

Gleichsam ist Kunststoff für dieses Gewicht konkurrenzlos zäh und lässt sich in seinen Materialeigenschaften bei der Herstellung so genau steuern, dass er sehr leichte und dennoch hochfeste Bauteile im Fahrzeugbau ergibt – ohne die der Mobilitätswandel buchstäblich „viel schwerer“ werden würde.

4. Hausbau

Zugegeben, es gibt im Hausbau Dinge, die müssen nicht aus Kunststoff bestehen. Die heute so gerne verwendeten Kunststoffrohre für Frischwasser beispielsweise ließen sich ohne massive Nachteile durch Kupferrohre ersetzen – wie sie im Heizungsbau sowieso Usus sind.

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Nimmt man allerdings konkret den Bereich der Energetik ins Visier, der ebenfalls für den Klimaschutz als so enorm wichtig angesehen wird, kommt man wieder kaum an Kunststoff vorbei. Dämmmaterialien sind ein wichtiger Punkt. Sie könnten zwar theoretisch und auch praktisch durch mineralische Schäume substituiert werden – diese verbrauchen bei der Herstellung jedoch horrende Energiemengen. Beide Materialien eint außerdem, dass nur sie, ungleich zu Dämmungen aus Naturmaterialien, dauerhaft resistent gegen Verrottung, Pilz- und Schädlingsbefall sind.
Besonders dramatisch wird es überdies bei allem, was nur einseitig diffusionsoffen sein darf. Das bringt uns zu Dampfbremsfolien. Es gibt derzeit kein ähnlich simples Material, das so leicht sicherstellt, dass von der einen Seite Wasserdampf hindurchdiffundieren kann, aber von der anderen nicht, wie Kunststoff.

Und egal ob Photovoltaik, Fußbodenheizung oder Solarthermie: Auch hier gibt es keine denkbare Alternative.

Zusammengefasst

Ja, zu viel Kunststoff ist ohne Frage ein Umweltproblem. Und er ist tatsächlich in vielen Bereichen ersetzbar – vor allem dort, wo es um Einwegverpackungen von nicht hygienekritischen Produkten geht. Aber: Auch im Mittelstand sollte man sich bewusst machen, dass das Material sich schlicht nicht mit der Leichtigkeit ersetzen lässt, wie es sich manche Politiker, Journalisten und Privatleute vorstellen. Und viel mehr noch: Wichtige Eckpunkte des Kampfes gegen den Klimawandel können nur auf den tragenden Säulen aus Kunststoff errichtet werden, weil es sonst keine Materialien gibt, die seine Eigenschaften gleichermaßen reproduzieren können. Und diese Botschaft sollte man auch nach außen transportieren.

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Veröffentlicht von:

Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: redaktion@mittelstand-nachrichten.de
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