Situatives Führen in turbulenten Zeiten: „Es gibt immer einen Weg – man muss ihn halt finden“
Warum lösungsorientierte Führung im Mittelstand gerade jetzt einen entscheidenden Vorteil bietet
Wir treffen Joschka Weltgen zwischen den Terminen – mehr Zeit geht gerade nicht, denn seine Branche wird gerade, wie so viele, mächtig durchgerüttelt. Die Migration ins KI-Zeitalter, der Aufstieg sozialer Medien, ein zunehmend personalisiertes Web – kurz: ein digitales Umfeld, das sich schneller verändert als die meisten Geschäftsmodelle. „Ja, stimmt – vieles verändert sich gerade stark – der Kelch geht an uns nicht vorbei“, sagt der Chief Strategy Officer der Berliner Ad-Tech-Plattform Compado. Er klingt dabei gelassen. „Ist ja nicht so, als wären die Jahre vorher irgendwann einmal ruhig gewesen.“
Dieses Maß an Gelassenheit ist in deutschen Führungsetagen keine Selbstverständlichkeit. Das Gegenteil ist oft der Fall: Strategieprozesse, die sich über Monate hinziehen und in der Schublade enden. Führungsrunden, die sich in Abstimmungsschleifen erschöpfen. Entscheidungen, die immer wieder vertagt werden, weil die perfekte Lösung noch aussteht – während der Markt längst weiterzieht. Gerade im Mittelstand, wo Ressourcen knapper und Spielräume enger sind als in Konzernen, kann diese Zögerlichkeit zur ernsthaften strategischen Schwäche werden.
Analyse ist kein Ersatz für Entscheidung
Für Weltgen ist das kein akademisches Thema. Unter seiner Mitverantwortung ist Compado zu einem der wenigen deutschen Ad-Tech-Hidden-Champions gewachsen – in einer Branche, die notorisch umkämpft ist. Er hat das Muster oft genug gesehen. Und gelernt, wann Abwarten hilft und wann es schadet. „Meistens schadet es“, sagt er trocken.
„Ich erlebe es immer wieder, dass Management-Teams in einer Art Entscheidungs- oder Redekrise stecken. Bälle werden wochenlang hin- und hergespielt, ohne dass sich irgendetwas bewegt – und das wird dann noch als besondere Sorgfalt verkauft.“ Das Problem dabei sei nicht fehlende Information. „Information ist gut. Aber Veränderung entsteht durch Bewegung. Nur wer handelt, kommt irgendwohin.“
Das klingt einfacher, als es ist. Denn es verlangt von Führungskräften, genau den Punkt zu erkennen, an dem weiteres Abwägen nichts mehr bringt – und dann zu entscheiden. Nicht irgendwann. Jetzt.
Situatives Führen ist kein neues Konzept. Aber es passt gerade besonders gut in eine Zeit, in der sich die Rahmenbedingungen schneller ändern als jeder Fünfjahresplan.
Situatives Führen: keine Methode, sondern Haltung
Was Weltgen als seinen Führungsansatz beschreibt, lässt sich in der Fachsprache als situatives Führen bezeichnen – ein Konzept, das in der Managementlehre seit Jahrzehnten bekannt ist, in deutschen Chefetagen aber nach wie vor selten gelebt wird. Hierzulande ist es noch immer en vogue, einen klar definierten Führungsstil zu vertreten: der Visonär, der Stratege, der Coach. Konsistenz gilt als Stärke, Anpassungsfähigkeit mitunter als Beliebigkeit.
Weltgen sieht das anders. „Es gibt keinen einzigen richtigen Führungsstil“, sagt er. „Es gibt nur den Ansatz, der in dieser Situation, mit diesen Menschen, bei dieser Herausforderung Fortschritt erzeugt.“ Führung bedeute, den Kontext zu lesen – und dann zu wählen, was wirkt. Manchmal ist das Klarheit und Direktheit. Manchmal ist es Zuhören. Manchmal ist es, eine Richtung vorzugeben und loszugehen, bevor alle einverstanden sind.
Für Mittelstandsunternehmen, die strukturell ohnehin näher am Geschäft sind als Konzerne und kürzere Entscheidungswege haben, liegt darin eine echte Stärke – sofern die Führungskultur diese Nähe auch tatsächlich nutzt. Die Agilität ist vorhanden. Was fehlt, ist die Bereitschaft, diese Nähe in schwierigen Momenten auch konsequent einzusetzen.
„Done ist besser als perfekt“ – und das ist keine Entschuldigung
Einen Leitsatz hat Weltgen verinnerlicht, der in der Berliner Startup-Szene fast schon zur Folklore gehört: Done is better than perfect. Im Ernst gemeint ist er trotzdem – oder gerade deshalb.
„Wenn man genug Scheitern durch Nichtstun und Zögern erlebt hat, kommt man irgendwann zur intuitiven Wahrheit dahinter“, sagt er. „Praktisch schlägt theoretisch. Momentum schlägt das perfekte Konzept in der Schublade.“ Es gehe nicht darum, nachlässig zu sein. Es gehe darum, handlungsfähig zu bleiben – unter realen Bedingungen, nicht unter Laborbedingungen.
Die perfekte Lösung für eine ideale Welt existiert im Unternehmensalltag selten. Was existiert, sind Lösungen, die in der vorhandenen Realität funktionieren. Und Führungskräfte, die mutig genug sind, sie umzusetzen. „’Es geht nicht‘ ist für mich keine Option“, sagt Weltgen. „Es gibt immer einen Weg. Den muss man halt finden.“
Für den deutschen Mittelstand, der sich in einer Phase befindet, in der Digitalisierung, KI und veränderte Marktbedingungen gleichzeitig auf die Unternehmen einwirken, ist das kein revolutionärer Gedanke – aber ein nützlicher. Gerade jetzt.



