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Neurocoaching: Was ist das?

Im Jahr 2017, bei den Leichtathletik Weltmeisterschaften in London, lief die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper die 100 Meter in unter elf Sekunden. In einem Interview zu ihrem grandiosen Sprint erzählte Gina von ihrem Neuroathletiktraining mit Coach Lars Lienhard. Das Geheimnis war, dass ein Teil des Trainings daraus bestand, die neuronale Plastizität zu beschleunigen. Dies wurde durch eine 9V-Batterie auf der Zunge bewerkstelligt. Dieses Batterietraining ist durch viele Medien gegangen und war somit der erste Startschuss für das Neurocoaching. Das Neuroathletiktraining verbindet die Disziplinen des Athletiktraining und der Neurowissenschaften. So wird die Bewegungssteuerung und das Nervensystems des Gehirns gezielt angesteuert und trainiert.

Das Gehirn schützt unser Überleben

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Bild: © adam121, stock.adobe.com

Kurz gesagt, hat das Gehirn nur eine Funktion und die ist unser Überleben zu sichern. Im Laufe des Lebens passieren immer wieder kleinere oder größere Unfälle. Oft wird dabei der Körper geschädigt, in vielen Fällen sogar langfristig. Bei langfristigen Schäden, wie zum Beispiel einer Sehbeeinträchtigung oder einer Knieverletzung, kann das Gehirn das Überleben nicht mehr vollständig sichern, da ihm Daten fehlen. Die Beeinträchtigung ermöglicht es dem Gehirn nicht wie üblich die passende Vorhersage zu treffen, ob eine gewisse Handlung oder Bewegung gefährlich für den Körper ist.

Das Gehirn kann nur eine optimale Leistung erbringen, in dem es in jeder Situation die optimalen Vorhersagen beziehungsweise Einschätzungen treffen kann. Ist dies jedoch durch Verletzungen oder ähnliches nicht mehr möglich, kann keine optimale Leistung abgerufen werden. So ist es für viele Menschen nach einer Knieverletzung unmöglich, das Knie genauso wie vorher zu benutzen. Das Gehirn sendet verschiedene Schutzmaßnahmen aus. Oft haben Menschen mit Knieverletzungen einen verringerten Bewegungsradius, Schmerzen im Knie, Verspannungen oder andere Probleme in diesem Bereich.

Verletzungen und Schmerzen sind trotz guter Bewegung oder ausreichenden Trainingsmethoden oft für viele nicht wegzudenken. Auch eine Fehlbelastung, schlechte Körperhaltung oder verkürzte Muskeln können für viele ein Problem darstellen. Dabei setzt das neuronale Training an und setzt den Fokus vermehrt auf das Gehirn anstatt auf die Muskeln. So kann vermieden werden, dass das Gehirn eine suboptimale Kommunikation zwischen sich selbst und dem Körper hat.

Das neurozentrierte Training hat seinen Fokus auf dem sensory priming. Hierbei wird das Gehirn, Nervensystem und die Muskeln genutzt, um sie miteinander besser zu vernetzen. Schutzreflexe spielen auch hierbei eine große Rolle. Denn wie bereits erklärt, ist das Gehirn primitiv und möchte uns nur vor dem Überleben sichern. Deswegen stellt es sich immer wieder die gleiche Frage: Ist das, was als Nächstes passieren wird gefährlich? Je nachdem welchen Input das Gehirn nun bekommt, werden Schutzmaßnahmen ergriffen. Diese Maßnahmen können die Leistungsfähigkeit des Körpers am Ende deutlich drosseln. Um diese Drosselung wieder wegzubekommen, müssen dem Gehirn durch Training klarere Informationen mitgegeben werden. Dies erhöht die Sicherheit für das Gehirn und ermöglicht den Zugang zu mehr Leistung.

Der Körper ist kein Roboter

Das Gehirn korrigiert im neuronalen Bereich, insbesondere, bei Verletzungen. Der Körper heilt oftmals viel schneller als das Gehirn den Heilungsprozess verarbeiten kann. Die Folge davon ist, dass Folgeschmerzen auftauchen. Es kann davon gesprochen werden, dass der Körper die Hardware und das Gehirn die Software ist. Häufig ist es so, dass Reha-Programme nur auf die einzelne Bewegung abzielen und nicht auf die neuronalen Systeme. Der Körper ist jedoch kein Roboter und hat nicht nur einen stumpfen Bewegungsablauf. Der Mensch muss seinen Körper und Geist trainieren. Bricht etwas von diesen zwei Komponenten aus dem Gleichgewicht, muss es wieder mit dem richtigen Programm eingerichtet werden.

Hat das Gehirn erstmal eine Verletzung angenommen und sendet Schmerzen oder andere Symptome in Bezug auf die Verletzung aus, ist das Netzwerk des Gehirns bereits mit der neuen Software überschrieben worden. Im Normalfall würde der Körper nun versuchen die Verletzung so gut es gut zu heilen. Anschließend muss entweder mit den Folgeschäden gelebt werden oder es wird mit Neurocoaching dafür gesorgt, dass die aktuellen Folgeschäden in Zukunft ebenfalls verheilen.

Eine Verletzung kann man sich immer so vorstellen: Es wird einmal der Körper an der Unfallstelle geschädigt und ebenfalls ein gewisser Part im Gehirn, welcher für diesen Bereich zuständig ist. Uns ist bereits bekannt, dass der Körper sehr gute Heilungsfähigkeiten besitzt und viele Verletzungen von selbst wieder regenerieren kann. Dies betrifft aber nur die körperliche Seite. Das Gehirn ist wie ein primitives Organ und versucht uns stets vor dem Sterben zu schützen. Demnach kann es sich nicht einfach heilen, sondern akzeptiert die aktuelle Situation wie sie ist und verhält sich entsprechend.

Was macht ein Neurocoach?

Damit es dem Gehirn wieder möglich ist eine optimale Leistung abzurufen, müssen die Schutzmaßnahmen des Gehirns festgestellt werden. Diese Schutzmaßnahmen können in verschiedensten Formen auftreten. Bei einer Knieverletzung ist vielleicht der Bewegungsradius eingeschränkt oder es treten andere muskuläre Spannungen und Schmerzen auf. In einem Neurocoaching wird von dem Trainer genau analysiert, welchen Input das Gehirn bekommt und welche Signale als Schutzmaßnahmen ausgesendet werden. Solche Schutzmaßnahmen müssen durch neue und bessere Signale überschrieben werden.

Die Hauptaufgabe in einem Neurocoaching ist die Überschreibung des alten Input-Systems. Um diesen Input wieder in etwas positives umzuwandeln, muss in gezieltem Training das Gleichgewicht, die Augen und die Propriozeption trainiert werden. In diesem Trainingseinheiten wird der Input für das Gehirn nach und nach verbessert und die alten Schutzmaßnahmen komplett überschrieben.

Im allerersten Schritt wird die Person zu der Verletzung ausgefragt und es wird eine komplette Analyse erstellt. Jeder Trainingsplan ist individuell und richtet sich genau nach den Problemen des Geschädigten. Jeder Unfall und jede Verletzung hat andere Nachwirkungen. Anschließend werden Übungen absolviert, die dem Trainer dabei helfen, gewisse Defizite im Körper festzustellen. Bei diesen Übungen handelt es sich um Augen-, Gleichgewichts- und Gelenkkontrollübungen.

Neuroathletiktraining und Neurocoaching ist nicht nur für Sportler eine hervorragende Möglichkeit sich weiterzuentwickeln, sondern auch für den normalen Durchschnittsmensch. Neurotraining kann jedem helfen. Dabei ist es egal welches Ziel verfolgt wird. Sportler können gezielt auf ihren Sport abgerichtete Übungen absolvieren, um noch besser zu werden oder eine Sportverletzung wieder komplett zu rehabilitieren. Neurotraining ist aber nicht nur exklusiv für Sportler. Jeder Mensch mit langfristigen Schäden und Schmerzen sollte einen Neurocoach aufsuchen und sich dem jeweiligen Training unterziehen.

Das Training und die Ergebnisse sind kein Hexenwerk, sondern Wissenschaft. Die Leistungsfähigkeit der Teilnehmer lässt sich nach und nach sichtlich verbessern. Es ermöglicht Menschen ihren Autounfall aufzuarbeiten und Knieprobleme zu beseitigen oder durch Augentraining sogar die Brille beiseitezulegen. Das Gehirn besteht aus unzähligen Netzwerken und bestimme Netzwerke lassen sich verändern. Im Neuroathletiktraining werden genau diese Netzwerke angesprochen und für eine bessere Zukunft umgeschrieben.

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