Zwischen Willkommenseuphorie und Untergangsängsten – So tickt die deutsche Gesellschaft in der Flüchtlingskrise

Köln – Das Thema Flüchtlinge ist in aller Munde. Aber wenig wurde bislang über die menschlichen und psychologischen Hintergründe oder über die Ursachen der gesellschaftlichen Zerrissenheit in Deutschland geschrieben. Das Branchenportal marktforschung.de beleuchtet daher im Interview mit Stephan Grünewald, Psychologe und Mitbegründer des renommierten rheingold Instituts, welche gesellschaftlichen Entwicklungen aus der Flüchtlingskrise entstanden sind und wie die integrativen Herausforderungen auf zwei Ebenen bewerkstelligt werden sollten.

Ausgangspunkt ist die zerrissene bürgerliche Mitte, die an ihren Rändern in zwei Extremen mündet: den Willkommensromantikern und den Untergangsapologeten, wie Grünewald sie bezeichnet. Beide Gruppen blenden wichtige Aspekte in der Flüchtlingshilfe aus – die Risiken und Herausforderungen auf der einen sowie die Chancen und humanitäre Notwendigkeit auf der anderen Seite. Die Ereignisse der Silvesternacht von Köln können da einen Wendepunkt darstellen, weil sie die unleugbaren Probleme, die gelöst werden müssen, schonungslos aufgezeigt haben. Hierdurch, so Grünewald, gibt es wieder eine gemeinsame Perspektive, die die Gefahr der kompletten gesellschaftlichen Spaltung kleiner macht. Denn nun können zentrale Themen wie Sicherheit, Wohnungsnot und Bildung konkret behandelt werden.

Quelle: Tumisu/pixabay.com

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Eine Schlüsselrolle aus psychologischer Sicht spielt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie habe versäumt, klar aufzuzeigen, welchen Beitrag jeder Einzelne leisten muss, damit die Integration der vielen Zuwanderer funktionieren kann. Gleichzeitig hat sie mit ihrem bedenkenlosen Einsatz viele Bürger verunsichert. „Als Mutter Merkel war ihre Raute ein Sinnbild für eine fürsorgliche Umhegung. Nun hat sie die Arme ausgebreitet und damit die Raute geöffnet und ist vom Schutzheiligen der Heimat zum internationalen Willkommensengel geworden“, erklärt Stephan Grünewald im Gespräch mit marktforschung.de. Das bringt für Personen mit geringem Selbstwertgefühl eine Art Geschwisterkonflikt und das Gefühl diffuser Bedrohung mit sich.

Diese scheinbare Bedrohung resultiert vor allem daraus, dass viele Deutsche durch die Entideologisierung, die weitgehende Abwendung von Religionen und die sich wandelnden Geschlechterrollen orientierungslos sind. Zusätzlich steht dieser Zustand in starkem Kontrast zu einem großen Teil der ankommenden Menschen, die religiös gefestigt und mit klaren Werten leben. Damit bietet die Flüchtlingskrise aber auch die Chance, dass die deutsche Gesellschaft wieder feststellt, wie wertvoll Freiheit und Toleranz sind und für welche Werte es sich lohnt, einzustehen.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich rund ein Drittel der Bevölkerung von den Leitmedien und damit von der gemeinsamen gesellschaftlichen Wirklichkeit (Common Sense) abgewandt hat. Für diese Menschen ist die sogenannte Lügenpresse das Wahrnehmungsorgan der Regierung, von der sie sich nicht wahrgenommen fühlen. Stattdessen findet ein Rückzug in soziale Medien statt. „Das Internet ist aber weniger ein Tor zur Welt als eine inzestuöse Selbstbespiegelungsmaschinerie“, so Stephan Grünewald, wo die eigenen Ansichten von Gleichgesinnten bestätigt und verstärkt werden.

Erfolgreiche Integrationsarbeit muss also in doppeltem Sinne erfolgen: Neben den hilfesuchenden Flüchtlingen müssen auch die Menschen, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, wieder eine Heimat geboten bekommen.

Quelle: marktforschung.de

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Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: redaktion@mittelstand-nachrichten.de
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