Es fehlt an Leistungsliebe
Deutschland steht sich gerade selbst im Weg
Deutschland leistet sich derzeit eine gefährliche Illusion: Wir reden über Wohlstand, als wäre er ein Besitzstand. Als etwas, das bleibt, nur weil es einmal da war und wir uns daran gewöhnt haben. Kaum jemand kennt noch die existenziellen Probleme früherer Generationen. Tatsächlich aber ist Wohlstand nie ein Zustand, sondern immer das Ergebnis eines permanenten Prozesses – und genau dieser Prozess ist längst ins Stocken geraten. Wohlstand muss erarbeitet und kultiviert werden.
Ein Blick in die eigene Geschichte zeigt, wie widersprüchlich unsere Haltung inzwischen geworden ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag dieses Land wirtschaftlich, strukturell und moralisch am Boden. Was dann entstand, war kein Zufall und kein Geschenk. Es war das Ergebnis von Leistung, Disziplin, Verantwortung und Gemeinschaft. In erstaunlich kurzer Zeit entwickelte sich eine Wirtschaft, die weltweit Maßstäbe setzte, getragen von Menschen, die bereit waren anzupacken, mehr zu tun als nötig war und Last nicht als Zumutung, sondern als Aufgabe zu begreifen. Diese Haltung hat Deutschland groß gemacht.
Und heute erleben wir seit Jahren eine Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Die wirtschaftliche Dynamik lässt nach, die industrielle Substanz erodiert schleichend, Innovationskraft verliert an Tempo und zugleich wächst der gesellschaftliche Reflex, die Ursachen überall zu suchen – nur nicht bei uns selbst. Die Politik ist schuld. Die Reichen sind schuld. Die Unternehmer sind schuld. Die Umstände sind schuld.
Bequem, aber verantwortungslos
Diese Erzählungen sind bequem, weil sie Verantwortung verlagern. Sie sind aber auch gefährlich, weil sie den Blick auf das Wesentliche verstellen: Eine Volkswirtschaft lebt nicht von Ansprüchen, Sozialneiddebatten und Verteilungsdiskussionen, sondern von Menschen, die bereit sind, Leistung zu erbringen. Dieses Verhältnis zur Leistung hat sich verändert. Reden kann jeder, klagen erst recht, aber Leistung bringen und Verantwortung übernehmen, das wollen zu wenige.
Während wir uns in immer neuen Regulierungen, Verordnungen, Detaildiskussionen und Absicherungsmechanismen verlieren, wächst parallel die Erwartung, dass Wohlstand, Sicherheit und individuelle Ansprüche selbstverständlich erhalten bleiben. Wir diskutieren über immer feinere Rahmenbedingungen, die möglichst jeden in seinem Besitzstand schonen, während die Grundlage, auf der all das ruht, zunehmend an Stabilität verliert. Das ist der eigentliche Widerspruch unserer Zeit: Wir kümmern uns mit großer Ernsthaftigkeit um Nebenschauplätze und behandeln die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes, als sei sie naturgegeben. Sie ist es nicht. Im Gegenteil, sie ist bedroht, auch und vor allem durch die eigene Bequemlichkeit.
Ohne Leistung entsteht weniger
Ohne Leistung entsteht weniger: weniger Wertschöpfung, weniger Wachstum, weniger unternehmerischer Erfolg und damit zwangsläufig weniger Spielraum für Einkommen, Sicherheit und gesellschaftlichen Lebensstandard. Dieser Zusammenhang ist banal, wird aber erstaunlich selten in aller Klarheit ausgesprochen. Im Mittelstand ist diese Entwicklung längst sichtbar. Der Kuchen wird nicht mehr größer, während die Ansprüche wachsen.
Unternehmer berichten nicht zuerst von fehlenden Märkten. Die Märkte sind da, die Chancen oft auch. Was schwieriger wird, ist etwas anderes: Menschen zu finden, die Verantwortung wirklich übernehmen wollen, die gestalten wollen, die den eigenen Beitrag nicht nur als Pflichterfüllung verstehen, sondern als Teil eines größeren Ergebnisses. Es mangelt häufig nicht an Qualifikation, sondern an innerer Bereitschaft.
Über Jahre hat sich ein gesellschaftliches Narrativ etabliert, das Leistung zunehmend unter Rechtfertigungsdruck stellt. Arbeit wird stärker unter dem Gesichtspunkt von Belastung diskutiert als unter dem von Wirksamkeit. Verantwortung erscheint vielen eher als Last denn als Möglichkeit. Begrenzung wird positiv besetzt, zusätzlicher Einsatz dagegen schnell als Zumutung interpretiert. Jeder ruft nach Veränderung, aber eben nicht bei sich. Mehr leisten, sich mehr anstrengen, das sollen immer die anderen. Man selbst erträgt schließlich schon viel, jetzt sind mal andere dran. Und so bewegt sich am Ende keiner.
Leistungskultur unter Druck
Eine Wirtschaft kann auf dieser mentalen Grundlage und mit dieser Anspruchshaltung nicht dauerhaft Spitzenleistung erzeugen. Denn wirtschaftliche Stärke entsteht nicht aus Vorsicht allein. Sie entsteht aus Initiative, aus Einsatz, aus unternehmerischem Mut und aus der Bereitschaft, mehr zu tun, als formal verlangt wird. Genau das war immer die DNA des deutschen Mittelstands. Unternehmen wurden nicht deshalb stark, weil Menschen Dienst nach Vorschrift geleistet haben, sondern weil Unternehmer wie Mitarbeiter bereit waren, Verantwortung über das Notwendige hinaus zu übernehmen.
Heute gerät genau diese Kultur unter Druck. Deshalb reicht es nicht, ständig nur über Fachkräftemangel, Bürokratie oder politische Fehlentscheidungen zu klagen. All das spielt eine Rolle. Die tiefere Frage lautet jedoch: Welches Verhältnis haben wir eigentlich noch zur Leistung selbst?
Es fehlt die Liebe zur Leistung
Vielleicht fehlt uns inzwischen das, was man Leistungsliebe nennen könnte. Gemeint ist damit keine romantische Verklärung von Arbeit und auch keine Rückkehr zu überholten Härteidealen. Gemeint ist eine Haltung, die im eigenen Tun wieder Sinn, Wirkung und Stolz erkennt. Wer erlebt, dass Einsatz Ergebnisse schafft, dass Verantwortung Gestaltung ermöglicht und dass Leistung etwas mit Selbstwirksamkeit zu tun hat, entwickelt ein anderes Verhältnis zur eigenen Arbeit. Leistung ist dann nicht mehr Last, sondern Möglichkeit.
Genau darin liegt eine der zentralen Zukunftsfragen für unser Land. Deutschland wird seine wirtschaftliche Stärke nicht durch immer neue Verteilungsdebatten zurückgewinnen, sondern nur dann, wenn Leistung wieder gesellschaftlich positiv besetzt ist – in Unternehmen, in Bildung, in Führung und im öffentlichen Denken.
Der Mittelstand kann dabei Vorbild sein. Nicht durch Sonntagsreden, sondern durch gelebte Kultur, indem Leistung wieder sichtbar wertgeschätzt, Erfolg nicht peinlich relativiert, sondern anerkannt und Verantwortung nicht nur verteilt, sondern eingefordert wird. Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: Erfolg entsteht nicht zufällig. Erfolg ist das Ergebnis von Leistung.
Der deutsche Wohlstand wurde erschaffen, nicht beantragt
Und ohne Leistungsliebe wird es davon künftig weniger geben – mit allen Konsequenzen für Unternehmen, für Menschen und für ein ganzes Land. Wohlstand ist nicht die Sache der anderen, sondern von jedem einzelnen selbst. Leistung ist nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Jeder muss etwas beitragen. Alles andere bedeutet, auf Kosten anderer leben zu wollen. Aber genau das funktioniert nicht. Es hat auch nie funktioniert. Der deutsche Wohlstand wurde erarbeitet, nicht umverteilt. Er wurde erwirtschaftet und erworben, nicht erjammert und lobbyiert. Er wurde erschaffen, nicht beantragt.
Autorenprofil:
Der MiNa-Kolumnist Bernd Kiesewetter ist als erfahrener Unternehmer, Coach und Mentor vieler bekannter Persönlichkeiten, mehrfacher Buchautor und durch seine jahrelangen Radioauftritte bekannt als „Berlins Erfolgscoach Nummer Eins“.
Seit vier Jahrzehnten in den verschiedensten Branchen tätig – in der Spitze mit sieben Unternehmen und 150 Mitarbeitern gleichzeitig – hat er unglaublich viele Höhen, Tiefen und Aha-Momente gesammelt, durch die er heute persönliche und unternehmerische Unterstützung wie kaum ein anderer bietet. Seine Themen sind Wachstum, Krisen und Neuausrichtung.
Seine Arbeit steht unter dem Leitmotiv Verantwortung – für sich selbst, die Mitarbeiter, das Unternehmen und die Gesellschaft. Sein Motto ist ebenso einfach wie vielschichtig: Haltung. Wirkung. Ergebnisse.
