Amsterdam/ Köln – 35 % der Außenstände, die nach 90 Tagen noch nicht bezahlt sind, fallen ganz aus und können somit zu Liquiditätsengpässen bei Unternehmen führen.

Das ergab eine aktuelle Studie der Atradius Kreditversicherung, die die Zahlungsmoral in Westeuropa untersucht hat. Die für die Studie befragten Unternehmen in Westeuropa gaben an, dass im Durchschnitt 37,6 % des Gesamtvolumens an Forderungen gegenüber Firmenkunden überfällig sind. 4,9 % der Forderungen sind auch nach drei Monaten noch immer offen. Im Durchschnitt konnten 1,7 % der Außenstände als nichteinziehbarer Posten nur noch abgeschrieben werden.

Quelle: Atradius Corporate Communications

Quelle: Atradius Corporate Communications

Am häufigsten hatten die Unternehmen aus der Türkei, Spanien, Großbritannien und Italien mit überfälligen Rechnungen und Zahlungsausfällen zu kämpfen. Dänischen, schwedischen, österreichischen und überraschenderweise auch griechischen Firmen fällt der Forderungseinzug dagegen vergleichsweise leichter.

Das Studiendesign

Für das Atradius Zahlungsmoralbarometer wurden etwa 3.000 Unternehmen aus 14 europäischen Ländern nach ihren Zahlungserfahrungen mit Geschäftskunden befragt. Zudem stellt die Studie Faktoren, die die Profitabilität der befragten Firmen beeinflussen, heraus und beleuchtet das Forderungsmanagement der Befragten, indem u. a. die durchschnittliche Forderungslaufzeit in Tagen untersucht wurde.

Verspätete Zahlungen als Finanzierungsinstrument

Während 46,6 % der Befragten eine unzureichende Liquidität als Hauptgrund für verspätete Zahlungen bei ihren inländischen und 35,2 % bei ausländischen Kunden sehen, nutzen sowohl lokale als auch ausländische Abnehmer verspätete Zahlungen oftmals auch als Ersatzfinanzierung. Am häufigsten beobachten die deutschen Befragten diesen Trend bei ihren Inlandskunden mit 50,3 %. 42,4 % der dänischen Befragten beobachten dies bei ihren ausländischen Kunden. Die Insolvenz eines heimischen Abnehmers wurde von 20,5 % der Befragten als Grund genannt. Als weitere Hindernisse für verspätete Zahlungen von ausländischen Abnehmern sehen ein Viertel der Befragten zum einen die Komplexität der Zahlweise und zum anderen die Ineffizienz des Bankensystems.

Schutz gegen Forderungsausfall

Die Studienergebnisse belegen, wie wichtig die Analyse verspäteter Zahlungen ist und wie diese verhindert werden können, um finanzielle Einbußen zu vermeiden. Drei von fünf der Befragten gaben an, dass sie entsprechende Instrumente einsetzen, um Zahlungsrisiken zu minimieren. Am häufigsten setzen sie das Mahnwesen (46,2 %) und die Prüfung der Bonität des Abnehmers (43,3 %) zum Schutz gegen Forderungsausfall ein.

Hindernisse für die eigene Profitabilität

Trotz der verbesserten Wirtschaftsaussichten in vielen Ländern geben die befragten Unternehmen als größte Herausforderung für die eigene Profitabilität in diesem Jahr eine sinkende Nachfrage und eine unzureichende Liquidität an. Für Schweden, Dänen, Türken und Österreicher stellt eine sinkende Nachfrage die größte Sorge dar. Ein adäquater Cash Flow ist für die Unternehmen in Griechenland, Österreich, Großbritannien und Frankreich am wichtigsten. Der Einzug offener Forderungen war im Durchschnitt für knapp 25 % der Befragten die größte Herausforderung. 33 % der niederländischen Unternehmen und 30 % der Deutschen sehen wiederum das Inkasso von Rechnungen als größte Herausforderung. Als Konsequenz nutzen die Firmen aus diesen Ländern verstärkt Inkassodienstleister. Das gilt auch für Schweden und Frankreich.

Chief Market Officer Andreas Tesch von Atradius kommentiert: „Die Studie zeigt, dass die Unternehmen gut damit beraten sind, ihr Risikobewusstsein zu schärfen. Zahlungsverzögerungen und Zahlungsausfälle werden in naher Zukunft nicht zurückgehen. Während die Insolvenzen eine langsame Erholung und damit einen positiven Trend zeigen, liegt das Insolvenzniveau in den Industrieländern 2014 noch immer 32 % über dem Niveau aus dem Jahr 2007. Wir erwarten eine Erholung in Spanien, den Niederlanden, Dänemark und Irland. In den meisten Märkten gehen wir allerdings nur von einer Stabilisierung – in vielen Fällen auf einem hohen Niveau – aus. Das Insolvenzniveau ist noch immer doppelt so hoch wie vor der Krise.“

Veröffentlicht von:

Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: redaktion@mittelstand-nachrichten.de
Veröffentlicht am: