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Jean-Claude Trichet sah als EZB-Präsident die Stabilität der Währung als oberstes Ziel an

Frankfurt/Main (dapd). Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) wählt seine Worte üblicherweise vorsichtig. Jean-Claude Trichet, seit acht Jahren oberster Hüter des Euro, hat sich für seine öffentlichen Auftritte eine formelhafte Sprache zugelegt. Nur die Märkte nicht erschrecken!

Nur sehr selten brach Trichet, der Ende Oktober in den Ruhestand geht, aus dieser Selbstbeschränkung aus. Doch manchmal, wie bei der Pressekonferenz nach der Ratssitzung Anfang September, ließ der literarisch gebildete Berufsbeamte sein Temperament aufblitzen.

In ungewöhnlich deutlichen Worten wies er damals Kritik aus der Politik an Entscheidungen der EZB in der Finanzkrise zurück: Die EZB sei geschaffen worden, um Preisstabilität zu gewährleisten, sagte er. „Wir haben geliefert. Tadellos. Dafür würde ich gern Glückwünsche hören.“ Und wenn jetzt die Ankäufe von Staatsanleihen hochverschuldeter Mitgliedsstaaten kritisiert würden – Grund dafür sei die Verletzung der Stabilitätskriterien von Maastricht. Und ausgerechnet die drei großen Volkswirtschaften Italien, Frankreich und Deutschland seien es gewesen, die deren Lockerung gefordert hätten.

Normalerweise aber bleibt Trichet kühl. Das Risiko von Fehlinterpretationen soll möglichst gering bleiben, Entscheidungen, die Einfluss auf die Börsen haben könnten, werden im Monat zuvor verklausuliert angekündigt.

Am Donnerstag wird der 68-jährige Lyoner bretonischer Abstammung zum letzten Mal sein kunstvoll formuliertes Statement nach der Sitzung des EZB-Rates vortragen, der den Leitzins für die Eurozone höchstwahrscheinlich unverändert lassen wird. Trichet wird wie immer auf die Bedeutung eines stabilen Euro hinweisen und erklären, dass eine Inflationsrate von mittelfristig „unter, aber nahe bei zwei Prozent“ von grundlegender Bedeutung für Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen sei.

Jean-Claude Trichet, geboren am 20. Dezember 1942 als Sohn eines Universitätslehrers, legte Hochschulabschlüsse in Politik, Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften ab. Er durchlief Frankreichs Kaderschmiede für Verwaltung ENA. Anfang der 1970er Jahre ging er in das französische Finanzministerium und stieg dort schnell auf. Bereits als Chef des Schatzamtes machte er sich einen Namen als Verfechter einer auf Dämpfung der Inflation gerichteten Stabilitätspolitik.

1993 übernahm Trichet die Leitung der französischen Notenbank. Staatspräsident Jacques Chirac schlug ihn 1997 als ersten EZB-Chef vor, doch die Mehrheit der Euro-Staaten gab 1998 dem mediengewandten Niederländer Wim Duisenberg den Vorzug. Allerdings war verabredet, dass Duisenberg schon vor dem Ende der achtjährigen Amtszeit seinen Stuhl für Trichet räumen sollte.

2003 war es so weit. Zwar erhob die französische Staatsanwaltschaft Anklage gegen Trichet wegen seiner Rolle bei der fehlgeschlagenen Expansion der Staatsbank Crédit Lyonnais im Jahr 1993. Kurz nach Prozessbeginn wurde er aber vom Vorwurf der Falschaussage freigesprochen. Damit war der Weg frei: Im Oktober 2003 wurde Trichet für acht Jahre zum EZB-Chef ernannt.

Die Amtszeit ist um. Trichet soll am 19. Oktober in einem Festakt verabschiedet werden. Nachfolger als oberster Hüter des Euro wird der Italiener Mario Draghi. Mitten in der Staatsschuldenkrise.

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