Verschiedenes

Die hohe Kunst der Präsentation

Viele Präsentationen laufen heutzutage leider immer noch so: Der Vortragende am Rednerpult verhaspelt sich ständig. Er nutzt Standardphrasen, jongliert wirr mit Zahlen und redet in immer gleich niedrig modulierter und sonorer (manche würden sagen „einschläfernder“) Tonlage. Der Beamer will nicht so recht mit dem Laptop zusammenarbeiten. Die Sonne strahlt durchs Fenster und verhindert, dass das Publikum etwas auf den „Ich hab da mal was vorbereitet“-Folien erkennen kann. Zudem ist es schon der dritte Vortrag heute auf der Konferenz.
Jeder Mensch kennt solche Momente. Man fühlt sich versetzt in die Kindheit; damals als Onkel Heinz seine berühmt-berüchtigten Diavorträge über den letzten Urlaub am Plattensee oder auf einer Nordseeinsel hielt. Jahr für Jahr zeigte und erzählte er immer und immer wieder stundenlang dasselbe. Der einzige Unterschied: Im 5-Jahres-Rhythmus sah man auf den Projektionen eine neu erworbene Badehose in gewagten Designs, deren Farbgebung rückblickend an die Schuhe heutiger Fußballstars erinnerte.

Foto: © geralt (CC0 1.0); pixabay.com
Foto: © geralt (CC0 1.0); pixabay.com

Nicht jeder ist ein Cicero – aber jeder kann von Cicero lernen

Sicher, nicht jedes Thema ist geeignet für eine Präsentation. Und auch nicht jeder Person liegt es, vor ein mehr oder weniger großes Publikum zu treten und dort eine unterhaltsame Präsentation zu halten. Nicht jeder ist der geborene Showmaster, der beim Powerpoint-Karaoke mit Abstand gewinnt. Aber dennoch ist praktisch jeder Mensch ist dazu in der Lage, dazuzulernen.
Präsentationstechniken wurden schon nachhaltig bei den Griechen oder im alten Rom diskutiert, besprochen und auch gelehrt. Rhetorische Mittel wurden auf Nachhaltigkeit und Effektivität geprüft, verfeinert und angepasst. Neben aktueller Literatur gibt es ganze Klassiker im Reclam-Format. Experten lesen „Rhetorik“ von Aristotels in der zweisprachigen Ausgabe Deutsch-Altgriechisch oder Ciceros „De Oratore“ („Über den Redner“) auf Latein.

Präsentation kommt von Praesentare und heißt Vorzeigen

Warum also glauben viele heute noch, dass Platon oder Cicero („Hauptsache ein Italiener …“ vgl. Andreas Möller) einst die Phrase „Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!“ erfunden haben? Und warum wird dieser Satz überhaupt geäußert, wenn man eh weiß, dass man die Aufmerksamkeit des Publikums schon lange verloren hatte? Schließlich hat man nichts dafür getan, sie überhaupt zu gewinnen. Warum wird der Technik (Powerpoint und anderen durchaus hilfreichen Programmen) mehr vertraut als sich selbst? Hat Cato „Ceterum censeo, cathaginem esse delendam!“ immer als letzten Satz einer Folien-Präsentation verwendet und fürs Publikum abgelesen? Warum verstecken sich viele bei einer Präsentation hinter einem Pult? Das Wort „Präsentation“ stammt doch vom Lateinischen „praesentare“ ab, das übersetzt „Darreichen, vorführen, vorzeigen“ heißt! Die Antworten auf diese Fragen sind vielfältig, haben aber stets einen gemeinsamen Hintergrund: Routine und Erfahrung. Oder anders ausgedrückt „Das muss so sein. Das haben wir schon immer so gemacht!“

Der Hauptgrund für viele misslungene Präsentationen

In der Schule und an der Universität fing es an. Man „MUSSTE“ Referate halten. Dort langte es in der Regel, sich eine Viertelstunde oder etwas länger vor das Publikum hinzusetzen und hastig das, was man am Abend vorher noch per Teamwork schnell zusammengestellt hatte, vorzutragen. Diese Reihen-Referate zu verschiedenen Themen konnten über Wochen gehen, aber da musste man durch – und die anderen waren ja auch dran. Eine Zwei oder wenigstens eine Drei gab es immer – der Lehrer war froh, dass mal nicht er vor der Klasse stehen musste.
Dia-Abende wie der oben erwähnte taten ein Übriges – von der Erfahrungen im Berufsleben ganz zu schweigen. Doch ist es wichtig – gerade für Fach- und Führungskräfte, dass sie neben ihrem Wissen auch mitreißen können. Und was ist mitreißender als eine gelungene Präsentation? Selbst, wenn Sie eigentlich Angst vor der Bühne haben, können Sie sich gewisse Techniken aneignen. Das funktioniert auf vielerlei Art und Weise und je nach Persönlichkeit. Der Analytiker liest sich ein in Standardwerke wie „Klassische Rhetorik“ oder „Moderne Rhetorik“ vom bisher einzigen Rhetorik-Professor Gert Ueding, der Praktiker bucht ein Kleingruppen-Seminar zu Präsentationstechniken bei einem Bildungsanbieter wie WBS TRAINING. Ein Dritter setzt auf einen Personal Coach, der ihm in Einzelsessions Tipps zum Storytelling, zu wirkungsvollen Rede-Eröffnungen sowie Körpersprache, Mimik, Gestik und Stimme vermittelt.

Brechen Sie aus der Routine aus!

Vielleicht sind Sie ja schon ein erfahrener Präsentations-Profi und kennen diverse Tricks und Kniffe, mit denen Sie Ihr Publikum fesseln können. Vielleicht sind Ihnen aber auch solche Vorträge und Präsentationen ein wahrer Graus. Wichtig aber ist, dass Sie es wenigstens versuchen, aus dem Alltagstrott herauszukommen und neue Rhetorik- und Präsentations-Elemente in ihre Reden vor einem Publikum einzubauen. Seien Sie dabei nicht überkritisch mit sich selbst: Nicht alles funktioniert auf Anhieb. Geben Sie nicht auf und denken Sie als Motivationshilfe immer an Onkel Heinz und seine Urlaube am Plattensee. Egal, was Sie vor einem Publikum auch erzählen und unerheblich, worüber Sie sprechen: Der Autor dieses Artikels ist sich sicher, dass Ihre bald ein wenig aufgepeppten Präsentationen werden zu 100 Prozent interessanter sein als die Dia-Abende bei seinem Verwandten.

Veröffentlicht von:

Sven Oliver Rüsche
Sven Oliver Rüsche
Sven Oliver Rüsche ist Gründer der Mittelstand-Nachrichten und schreibt über Wirtschaftsverbände, Macher im Mittelstand, Produkte + Dienstleistungen, Digitale Wirtschaft und Familienunternehmer. Er ist als Journalist Mitglied im DPV Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V. / Mitgliedsnummer: DE-537932-001 / Int. Press-Card: 613159-537932-002. Er ist unter [email protected] in der Redaktion erreichbar.
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