Deutschland ist mit seinen Marktführern im Industriegeschäft der Ausrüster der Welt. Und noch profitieren wir von der globalen Nachfrage nach deutschen Gütern. Eine kontinuierlich größer werdende Kluft entsteht jedoch in der Internetindustrie, wo Deutschland von den Amerikanern und Chinesen auf die Plätze verwiesen wird. Und genau hier – durch die Vernetzung von realer und digitaler Welt – entsteht der Wettbewerb der Zukunft. Die fatalen Auswirkungen durch das Festhalten an klassischen Geschäftsmodellen und Produktionsmethoden könnten bereits kurzfristig sichtbar werden. Gefragt sind eine Offenheit und höhere Geschwindigkeit bei Industrie 4.0, damit wir weiter Akteur und nicht Zuschauer bleiben.

Nichts bewegt die deutsche Wirtschaft derzeit mehr als das Schlüsselthema Industrie 4.0. Die Digitalisierung der Dinge wird der zentrale Hebel der Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit. So können Produktionsmaschinen und Fertigungskomponenten miteinander in Austausch treten und Herstellungsprozesse selbstständig effizienter gestalten. Ermöglicht wird dies durch Sensoren, die an allen Teilen haften; sie sammeln riesige Datenmengen, die in IT-Wolken gesammelt, gespeichert und mit innovativen Technologien aus dem Bereich Big Data Analytics ausgewertet werden. Der globale Wettbewerb wird künftig in der digitalen Welt gewonnen. Die Transformation macht vor keinem Unternehmen halt und bedeutet eine riesige Chance oder genau das Gegenteil für jeden einzelnen Betrieb. Wie schnell innovative Technologien Unternehmen in Gefahr bringen können, machen die Analysten von Gartner deutlich: Schon bis 2017 wird jedes vierte Unternehmen seine derzeitige Marktposition verlieren – wegen Digitaler Inkompetenz. Es steht nichts mehr als die Zukunftsfähigkeit der deutschen Industrie auf dem Spiel. In der Tat wurde eine Branche nach der anderen digital völlig neu definiert: Musik, Film, Handel – und jetzt die Industrie.

Die erste Transformationsphase haben bereits die USA für sich entschieden. Die Amerikaner haben bereits seit vielen Jahren in eine moderne industrielle Infrastruktur investiert und global führende Software-Champions sowie eine vielversprechende Start up-Landschaft mit wegweisenden Technologien hervorgebracht. Es zeigt sich bereits heute, dass die USA durch die Dominanz bei der technischen Software und Internet-Plattformen bzw. deren Verknüpfung zu Anwendungen in Handel und Industrie zum Taktgeber des neuen Wettbewerbs wird. Ein Treiber ist auch die Gesetzgebung. In den USA ist es möglich, Geschäftsmodelle in Richtung Industrie 4.0 zu entwickeln, was in Deutschland teilweise durch Gesetzgebung erschwert wird. Teilweise gibt es sogar Bestrebungen, die Hürden für deutsche Unternehmen noch höher zu setzen – ein klarer strategischer Nachteil. Auch bei den sonstigen Rahmenbedingungen gerät Deutschland ins Hintertreffen gegenüber der virtuellen Supermacht: Der US-Markt ist so riesig, dass hier in kürzester Zeit Fakten und Standards gemacht werden können.

In Deutschland dagegen, investieren Staat und Wirtschaft zu wenig in Infrastruktur einschließlich Breitbandausbau, in Bildung sowie in Start-ups oder Forschungsvorhaben zum Thema Industrie 4.0. Zwar hat die Bundesregierung ein Investitionspaket geschnürt, das jedoch zu kurz greift. Weitere staatliche Initiativen – die leider viel zu spät kommen – zeigen, dass die Politik die Herausforderungen zwar verstanden hat, aber die notwendigen Impulse vermissen lasse.

Richten wir den Blick nach China: Für eine Studie über chinesische Patentaktivitäten im Bereich Industrie 4.0 hat das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation 1.700 Patentdokumente aus China analysiert. Es ging dabei um Erfindungen in den Bereichen drahtlose Sensornetze, Low-cost-Roboter und Big Data. Das Ergebnis lässt die Forscher befürchten, dass chinesische Forscher künftig die Hoheit über Produktionsdaten bekommen könnten. Dies könnte die Vormachtstellung Chinas in der globalen Wirtschaft weiter beflügeln.

Die deutschen Großkonzerne haben sich noch am besten gegen ein drohendes digitales Desaster gewappnet. Beispielhaft seien Bosch als Weltmarktführer für Sensoren und SAP als führende CloudCompany genannt. Doch es gibt auch im Mittelstand positive Beispiele und Leuchtturmprojekte, der sich vereinzelt auf den Weg in die neue Welt der Produktion gemacht hat. Als Hersteller von Anlagen, die Industrie 4.0 in den Fabriken erst ermöglichen, als Verarbeiter von Datenmassen oder als Erfinder neuer Geschäftsmodelle.

Noch immer erzeugen die Überwachung digitaler Datenwege durch die Geheimdienste und Hackerangriffe Skepsis in Bezug auf die Smart Factory oder die Cloud als Rückgrat und Intelligenz der gesamten Digitalisierung. Hohe Investitionskosten und Komplexität sind weitere Hindernisse, fehlende Anwendungsfälle und die unzureichende IKT-Infrastruktur werden weiter als Barriere angesehen. Anstatt hier auf staatliche Förderung zu hoffen, muss die Wirtschaft die Dinge selber in die Hand nehmen. Die Arbeit der Plattform Industrie 4.0 zeigt bislang keine brauchbaren Ergebnisse. Im Gegenteil: Deutschland hinkt heute mit seiner Industrie-4.0-Initiative dem Industrial Internet Consortium (IIC) der USA und Chinas ähnlichen Bestrebungen hinterher.

Gerade Familienunternehmen, die sich durch eine generationenübergreifende Planung auszeichnen, sollten dem Thema Industrie 4.0 offen gegenüberstehen und sich mit Pilotprojekten kontinuierlich herantasten. Eine weitsichtige Unternehmensplanung muss die Digitalisierung nicht nur einbeziehen, sondern zum Kern der künftigen Ausrichtung machen. Gleichzeitig gilt es, dass führende Unternehmen, die Industrie 4.0 erfolgreich praktizieren, ihre Zulieferketten an die neuen Technologien heranführen und kontinuierlich in Richtung Industrie 4.0 entwickeln. Nur dann kann die Lücke zu den digitalen Supermächten geschlossen werden.

Quelle: CSC

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Veröffentlicht von:

Despina Tagkalidou
Despina Tagkalidou
Despina Tagkalidou ist Mitglied in der MiNa-Redaktion und schreibt über Wirtschaftsverbände, Macher im Mittelstand, Produkte + Dienstleistungen, Digitale Wirtschaft und Familienunternehmer.
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