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Auswirkungen von TTIP modelliert

Handelsbarrieren zwischen den USA und Europa abbauen: Darauf zielt das geplante Abkommen TTIP ab, über das sehr kontrovers diskutiert wird. Zur Meinungsbildung tragen auch Ökonomen der Universität Würzburg bei – sie haben Auswirkungen von TTIP auf die Kaufkraft abgeschätzt.

Chlorhühnchen – kein anderes Wort hat in Deutschland die Debatte um das geplante Handelsabkommen TTIP stärker geprägt. Was dahinter steckt: In den USA werden Hühnchen nach dem Schlachten mit Chlor desinfiziert, um Salmonellen und andere Krankheitserreger auf dem Fleisch zu töten. Sollten Handelsbarrieren zwischen den USA und Europa fallen, könnten solche Hühnchen und andere „ungewohnte“ Produkte auch in Deutschland verkauft werden. Manche Menschen wollen das nicht und lehnen TTIP darum ab.

Die Grafik zeigt, wie sich die Kaufkraft der Bürger in den deutschen Landkreisen durch TTIP in einem Szenario mit maximaler Liberalisierung verändern könnte: Alle Kreise profitieren. Je heller die Färbung, umso höher der Kaufkraftgewinn, ausgedrückt in Prozentwerten (Grafik: Oliver Krebs / Michael Pflüger)
(Grafik: Oliver Krebs / Michael Pflüger)

Transatlantic Trade and Investment Partnership, kurz TTIP: Kritiker dieses Abkommens stoßen sich auch an der Rolle von Schiedsgerichten. „Konzerne sollen Staaten verklagen können, wenn neue Umwelt- oder Sozialgesetze ihre Gewinnerwartungen schmälern“, heißt es zum Beispiel auf der Internetseite von attac. Die Organisation befürchtet einen „beispiellosen Abbau von Produktionsstandards, Verbraucherschutz- und Arbeitnehmerrechten, Lohnniveaus, Umwelt- und Sozialauflagen“.

TTIP-Befürworter dagegen sehen viele Vorteile für Bürger und Unternehmen, wenn Industrienormen oder Vorschriften zum Verbraucher- und Umweltschutz vereinheitlicht werden: höhere Umsätze, neue Arbeitsplätze, mehr Wohlstand.

In welchen Ländern die Kaufkraft leiden könnte

„Wenn es um TTIP geht, wird in Deutschland zwar zu Recht viel über Schiedsgerichte und Umweltstandards diskutiert, nicht aber über die Auswirkungen des Abkommens auf den Rest der Welt und die Welthandelsordnung insgesamt“, sagt Professor Michael Pflüger vom Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Würzburg. Das stört ihn, und darum hat er mit seinem Doktoranden Oliver Krebs eine entsprechende Analyse erarbeitet: Die Wissenschaftler modellieren dabei mögliche Effekte von TTIP auf die Kaufkraft in verschiedenen Ländern. Für Deutschland haben sie die Effekte bis auf die Ebene der Landkreise heruntergebrochen.

Ein Ergebnis: In Ländern, die wirtschaftlich eng mit den USA vernetzt sind, aber nicht an TTIP teilnehmen, wird die Kaufkraft der Verbraucher umso stärker leiden, je größer die Handelsliberalisierung ausfällt. Das gilt besonders für Kanada, Mexiko, China und Russland. Starke Zuwächse der Kaufkraft wird es dagegen vor allem in Irland und Luxemburg geben – beide Staaten sind Teil von TTIP und ebenfalls sehr stark mit der US-Wirtschaft vernetzt.

Auswirkungen auf die deutschen Landkreise

 (Grafik: Pflüger/Krebs)
(Grafik: Pflüger/Krebs)

Wie es in Deutschland aussieht? „Durch die Liberalisierung des Handels zwischen den USA und Europa wird die Kaufkraft überall steigen – in manchen Regionen mehr, in anderen weniger“, so Pflüger. Die größten Steigerungen sehen die Wissenschaftler zum Beispiel für starke Standorte der Autoindustrie wie etwa Wolfsburg oder Dingolfing. Die Prognose für Stadt und Landkreis Würzburg: Hier würde der Wohlstand etwas weniger zunehmen als im Bundesdurchschnitt.

„Mit Blick auf die weltweiten Effekte halte ich TTIP für keine überzeugende Sache“, sagt der Würzburger Ökonom. Seiner Meinung nach wäre ein weltumspannendes Handelsabkommen besser. Doch entsprechende Bestrebungen seitens der Welthandelsorganisation WTO seien am Stocken oder sogar am Versiegen. Was Pflüger außerdem zu denken gibt: „Die USA fahren zweigleisig und verhandeln parallel ein Abkommen mit den Pazifik-Anrainerstaaten. Und das scheint ihnen viel wichtiger zu sein“. Auch aus diesem Grund sei es schwierig einzuschätzen, was TTIP bringen könnte.

Schätzungen und Annahmen fließen ins Modell ein

Mit konkreten Zahlen aus seiner Analyse ist Pflüger zurückhaltend. Dafür hat er gute Gründe: In sein volkswirtschaftliches Modell fließen zwar viele Daten und Fakten ein, etwa über Arbeitslöhne, Produktionskosten oder die Landnutzung. Aber das Modell beruht naturgemäß auf Schätzungen und Annahmen. So wurde zum Beispiel für die Abschätzung, wie sich die Kaufkraft durch TTIP ändert, quer durch alle Handelsbereiche ein gleiches Ausmaß an Liberalisierung angenommen. Obwohl die EU-Kommission inzwischen Protokolle zu den bisherigen Verhandlungsrunden veröffentlicht, weiß heute aber natürlich niemand, was bei den Verhandlungen tatsächlich herauskommt.

Trotzdem hält Pflüger die Analyse für aussagekräftig: „Wir haben eines der neuen quantitativen Außenhandelsmodelle verwendet, mit dem sich die Auswirkungen von Handelsbeziehungen auf Länder und Regionen gut abbilden lassen.“ Im Vergleich zu anderen biete dieses Modell den Vorteil, dass man es mit deutlich weniger Schätz- und Annahmewerten „füttern“ muss. Dadurch sei die Analyse mit geringeren Unsicherheiten behaftet.

Ökonomen stellen das Papier zur Diskussion

Michael Pflüger und Oliver Krebs haben ihre Analyse als Diskussionspapier beim „Institut für die Zukunft der Arbeit“ (IZA, Bonn) veröffentlicht. Das IZA ist laut Pflüger ein ökonomischer Think-Tank, der international Beachtung findet. Außerdem stellen der Professor und sein Doktorand das Papier auf internationalen Konferenzen vor.

Ihr Außenhandels- und Regionalmodell wollen sie weiterentwickeln und künftig weitere Größen darin berücksichtigen, zum Beispiel Wanderungskosten für Arbeitskräfte und Investitionsprozesse. Je nach Nachrichtenlage aus den TTIP-Verhandlungszimmern möchten sie auch immer wieder aktualisierte Prognosen dazu abgeben, was TTIP für die Verbraucher in Deutschland und die Volkswirtschaften der Welt bedeuten könnte.

Eingebunden in ein DFG-Forschungsprojekt

Diese Arbeit ist als Teil des Forschungsprojekts „Regional Growth and Structural Change“ entstanden, das Michael Pflüger mit seinem Düsseldorfer Professorenkollegen Jens Südekum leitet. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das auf drei Jahre angelegte Projekt mit rund 240.000 Euro. Es dreht sich generell um die Frage, wie sich Städte, Regionen und Wirtschaftsbranchen im Spannungsfeld aktueller Entwicklungen wandeln.

Grafik 1: Die Grafik zeigt, wie sich die Kaufkraft der Bürger in den deutschen Landkreisen durch TTIP in einem Szenario mit maximaler Liberalisierung verändern könnte: Alle Kreise profitieren. Je heller die Färbung, umso höher der Kaufkraftgewinn, ausgedrückt in Prozentwerten

Grafik 2: Ein zunehmender Abbau von Handelsbarrieren durch TTIP würde die Kaufkraft in Irland und Luxemburg am stärksten wachsen lassen. Schlechter dagegen stehen Taiwan und der „Rest der Welt“ (RoW) da.

Quelle: Universität Würzburg

Veröffentlicht von:

Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: [email protected]
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