Ein Experteninterview über die Folgen fehlender Beschäftigung

VW hat im Zuge des Abgasskandals hochrangige Ingenieure beurlaubt. Die Deutsche Bank baut im Rahmen des Umstrukturierungsprogramms zahlreiche Führungsstellen ab. Und auch für einige RWE-Manager wird der eingeschlagene Sparkurs Konsequenzen haben. Für das Seelenheil der Betroffenen kann der plötzliche Verlust des Arbeitsplatzes mit schweren Folgen verbunden sein. Ob bei Arbeitslosigkeit durch eine unerwartete Kündigung oder Arbeitsunfähigkeit wegen einer Erkrankung: Erfolgsgetriebene Menschen, die länger auf ihren Job verzichten müssen, verlieren schnell ihren zentralen Lebensinhalt. Wie es dazu kommt und welche Folgen das haben kann, erklärt Christoph Middendorf, medizinischer Geschäftsführer der Oberbergkliniken.

Christoph Middendorf - Quelle: Oberbergkliniken

Christoph Middendorf – Quelle: Oberbergkliniken

Berlin – Herr Middendorf, es gibt Menschen, die ein suchtartiges Verhältnis zur Arbeit haben. Sind Manager davon besonders betroffen?

Berufsgruppen wie Führungskräfte sind eher dazu angetan, eine Arbeitssucht zu entwickeln. Denn die Art der Tätigkeiten von Führungskräften ist auch mit vielen Einflussmöglichkeiten sowie Macht und Anerkennung verbunden. Ihre Position und ihre Erfolge tragen sehr stark zum Selbstwertgefühl bei – und vermitteln einen regelrechten Kick. Zur Erklärung: Wir haben in unserem Gehirn ein komplexes neurophysiologisches Belohnungssystem. Es setzt Botenstoffe frei, wenn es gewisse positive Reize erfährt, und sorgt so für ein starkes Hochgefühl. Dieser Prozess kann sich unter bestimmten Bedingungen suchtartig ausweiten. Letztlich gilt das für alle positiv besetzten Erfahrungen. Wir sprechen dann von sogenannten nicht stoffgebundenen Suchterkrankungen, wie bei der Kaufsucht, Spielsucht, Sexsucht, der Computer- oder Internetsucht und eben auch der Arbeitssucht.

Welche Auswirkung kann die Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit auf Menschen haben, die sich über ihre Arbeit definieren – wie es unter anderem Workaholics tun?

Bei körperlichen oder stofflich gebundenen Suchterkrankungen treten Entzugserscheinungen rasch nach dem Absetzen des Suchtmittels auf. Vereinfacht kann man sagen: Das Gehirn schlägt Alarm, weil das Suchtmittel fehlt. So ist es auch bei schweren Workaholics, die durch eine Arbeitsunfähigkeit, das Wochenende oder einen Urlaub ausgebremst werden. Sie erleben schon kurz nach Beendigung des Jobs Unruhezustände, wissen nicht, was sie mit sich und der Zeit anfangen sollen. Sie sind umtriebig und suchen nach einer Tätigkeit. Das Gehirn ist so stark auf Wachheit und Aktivismus eingestellt, dass es nicht zur Ruhe kommt. Deshalb können Betroffene die Ruhe nicht genießen und zum Beispiel kein Buch entspannt lesen oder einfach mal untätig in der Sonne liegen.

2013 registrierte der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen 40,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitsfälle, die durchschnittlich 13 Tage dauerten. Was passiert, wenn es während der Arbeitsunfähigkeit nicht nur bei Entzugserscheinungen bleibt?

Längere Arbeitsunfähigkeit, eine Arbeitslosigkeit oder ein unfreiwillig beendetes Arbeitsverhältnis können Folgeerkrankungen nach sich ziehen. Besonders, wenn Betroffene keine Ausgleichsmöglichkeit haben – beispielsweise soziale Kontakte, Hobbys, Engagements in Bereichen, die mit Freude und Selbstwertbestätigung verbunden sind, oder andere Tätigkeiten, in denen man Sinn erleben kann. Ist das gesamte Leben auf die eine Arbeit ausgerichtet und bricht dieser Teil weg, wird es bedrohlich. Es kann zu verschiedenen psychischen Folgestörungen kommen, wie Angst- und Panikattacken bis hin zu Depressionen.

Warum fällt es diesen Menschen so schwer, loszulassen?

Zum einen hat das hirnphysiologische Gründe. Wenn sich das Gehirn auf ein hohes Stresslevel und Arbeitsvolumen eingestellt hat, erwartet es diesen Input und erlebt es als Defizit, wenn dieser nicht da ist. Zum anderen, weil Betroffene das Loslassen und zur Ruhe kommen nicht als Erholung und Entspannung erleben. Sie empfinden vielmehr einen gegenteiligen Effekt. Denn in solchen Situationen wird das Bedrohungssystem aktiviert. Es löst bei ihnen Angst aus, wenn sie sich nicht ständig beruflich beweisen können.

Ein gängiges Motto unter erfolgsgetriebenen Menschen ist „schneller, höher, weiter”. Wie kann man mit diesem Motto umgehen, ohne dass es zur Belastung wird?

Das Motto stellt per se eine ungesunde Haltung dar. Es impliziert ja, dass es immer noch ein Mehr geben muss. Man kann schnell sein, man kann hoch sein, man kann weit kommen. Es ist ein ganz normales menschliches Bedürfnis, seine Grenzen auch ausloten zu wollen. Problematisch wird es, wenn man sie ignoriert und immer wieder von Neuem überschreiten will.

Gibt es verschiedene Phasen, die Menschen nach einer überraschenden Arbeitsunfähigkeit durchlaufen?

Wir durchlaufen nach plötzlichen, einschneidenden Erlebnissen verschiedene emotionale Phasen. Das gilt nicht nur für die Arbeitsunfähigkeit. Am Anfang steht oft eine Art „Schockphase”, in der man erstarrt und wie paralysiert ist und das Geschehene nicht akzeptiert. Wenn diese erste Zeit überwunden ist, kommt eine Phase der heftigeren Gefühle und Emotionalität auf: Verzweiflung, Wut, oft auch Traurigkeit bestimmen das Bild. Im Anschluss setzt häufig eine Art der Regression ein. Es kommt zum Rückzug und zur Abschottung, Scham und Versagensgefühle können auftreten, aber auch eine Lethargie. Diese regressive Phase ist wesentlich riskanter als die ersten beiden. Wenn jemand in ihr verharrt, können sich Depressionen oder andere bereits genannte Erkrankungen herausbilden.

Wann ist professionelle Hilfe nötig?

Wenn es jemand nicht schafft, sich aus eigener Kraft zu helfen, oder der Zustand über einen längeren Zeitraum anhält. Und natürlich auch, wenn das allgemeine Funktionsniveau des Menschen deutlich abnimmt. Wenn Betroffene beispielsweise in der regressiven Phase stecken, ziehen sie sich aus dem Leben zurück, haben gar keinen Antrieb mehr und entwickeln eine Depression. Dann sollten sie sich professionelle Hilfe suchen.

Welche Therapiemöglichkeiten können Betroffenen helfen?

Wir reden zum Beispiel über Formen der Depression oder Angsterkrankungen. Wenn jemand in milder Ausprägung darunter leidet, ist eine ambulante Behandlung oft ausreichend. Bei einer stärker ausgeprägten Erkrankung können auch teilstationäre oder stationäre Behandlungsmöglichkeiten notwendig werden.

Quelle: Oberbergkliniken

Veröffentlicht von:

Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: redaktion@mittelstand-nachrichten.de
Veröffentlicht am: