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„Deflation ist nichts, wovor man sich fürchten muss“

Interview zu den Maßnahmen der EZB mit Daniel Franke, Finanzexperte vom Sparerportal Tagesgeldvergleich.net.

Rückblickend, waren die bisherigen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) sinnvoll oder wirkungsvoll?

Daniel Franke: Teilweise können die Maßnahmen gar nicht die gewünschte Wirkung entfalten! Die angestrebte Ausweitung der Kreditvergabe ist trotz negativer Einlagezinsen in den südlichen Ländern Europas kaum möglich. Erstens sitzen die Banken dort auf Unmengen ausfallgefährdeter Kredite und sind entsprechend vorsichtig bei der Neukreditvergabe. Zweitens sind die Unternehmen in den Peripheriestaaten bereits bis zum Anschlag mit Krediten zugedeckt – haben also weder Bonität noch finanzielle Reserven um zusätzliche Kredite zu bedienen. Ein dritter Punkt: Viele Unternehmen haben sich nach Alternativen zu Bankkrediten umgesehen. Seit 2008 bzw. 2009 ist das Mittel der Finanzierung über die Ausgabe von Anleihen stark in Mode gekommen. Abschließend haben zahlreiche Unternehmen vorgesorgt und hohe Bargeldreserven angehäuft.

Quelle: Tagesgeldvergleich.net
Quelle: Tagesgeldvergleich.net

Unterm Strich zeigt die Erfahrung der Vergangenheit – etwa mit negativen Einlagezinsen in den Niederlanden – dass dieses Mittel nicht zwingend zum Erfolg führen muss, also zur Ausweitung der Kreditvergabe führt.

Die letzten Maßnahmen der EZB waren geprägt vom Gedanken, das Damokles-Schwert “Deflation” zu verhindern. Wie groß ist die Gefahr wirklich, die von einer niedrigen Inflationsrate ausgeht?

Daniel Franke: Grundsätzlich stellt sich die Frage, wieso die EZB unbedingt von einem “Normzustand” der Inflationsrate um die zwei Prozent ausgeht? Eine Deflation an sich ist nichts, wovor man sich fürchten muss – vorausgesetzt sie ist zeitlich begrenzt und den betroffenen Volkswirtschaften wird die Möglichkeit gegeben, ihr Preisniveau zu senken. In Europa sind es derzeit vor allem Staaten im Süden, denen eine Deflation trotz aller Nebenwirkungen gut tut. Das Problem ist, dass durch die Einheitswährung des Euro starke Volkswirtschaften ebenfalls betroffen sind. Die EZB kann mit ihrer Politik nicht einzelne Volkswirtschaften bei ihrer Problemlösung unterstützen, sondern nur nach dem Gießkannenprinzip austeilen.

Verbraucher sollten keine Angst vor dem Begriff Deflation haben. Tendenzen einer Inflationsspirale wie in Japan sehe ich in Europa und speziell in Deutschland nicht. Zum einen haben wir 2013 die höchsten Tariflohnsteigerungen seit langem erzielt. Zum anderen drücken saisonale Effekte die offizielle Inflationsrate. Lohnsteigerungen wirken – wie viele volkswirtschaftliche Größen – erst mit einer gewissen Verzögerung. Es ist für Deutschland aus meiner Sicht keinesfalls mit Deflation, sondern vielmehr mit einer moderat ansteigenden Inflation zu rechnen.

Was raten Sie Sparern in Deutschland derzeit?

Daniel Franke: Ich rate Sparern derzeit, ihr Geld zu streuen. Drei Monatseinkünfte als Liquiditätsreserve auf ein solide verzinstes Tagesgeldkonto. Im Vergleich zum Girokonto oder Sparbuch sind das immer noch ordentliche Aussichten.

Aktuell empfehlen wir bei http://www.tagesgeldvergleich.net Angebote mit langer Zinsgarantie, z. B. Cortal Consors mit 1,20 Prozent für 12 Monate garantiert. Oder Anbieter, die sich seit einiger Zeit durch stabil hohe Zinsen auszeichnen, z. B. MoneYou und die Renault Bank. Bei Festgeld rate ich momentan, keine Laufzeiten von mehr als drei Jahren zu wählen. Für ein Jahr gibt es aktuell maximal 1,50 Prozent, für zwei Jahre 1,80 Prozent und für drei Jahre 2,10 Prozent. Bei zehn Jahren Laufzeit sind bis zu 2,75 Prozent pro Jahr drin, allerdings steckt das Geld auch zehn Jahre fest – schlecht, wenn zwischenzeitlich die Zinsen anziehen sollten.

Wovon raten Sie ab?

Selbst wenn es verlockend klingt, sollten Sparer die Finger von sogenannten “Festzins”-Angeboten, Genussscheinen oder ähnlichen Produkten lassen. Deren Risiken werden gerne klein- und die Zinsen großgeredet. Keine Einlagensicherung, keine Zinsgarantie, Risiko des Totalverlustes – klingt hingegen weniger attraktiv.

Relevantere Risiken drohen anderenorts durch die kürzlich beschlossene Bankenunion. Wie Sie unserer Infografik (http://www.tagesgeldvergleich.net/ratgeber/bankenunion.html) entnehmen können, werden ab sofort auch vermögende Sparer an der Rekapitalisierung in Schieflage befindlicher Banken beteiligt. Unser Tipp für diese Zielgruppe lautet deshalb: Größere Vermögen unbedingt auf mehrere Banken verteilen und nicht mehr als die gesetzlich abgesicherten 100.000 Euro pro Kreditinstitut anlegen, da theoretisch erst ab dieser Grenze eine Beteiligung der Sparer an der Bankenrettung stattfindet.

Veröffentlicht von:

Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: [email protected]
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