Braucht unsere Gesellschaft wirklich so viel Coaching?“ – Warum der Mittelstand auf echte Mentoren statt auf Phrasen setzen muss
Mittelstand-TV: WND Salon Wirtschaft
Der Markt für Beratung, Coaching und persönliche Entwicklung boomt. Gleichzeitig wächst die Skepsis gegenüber schnellen Heilsversprechen. Im WND-Salon Wirtschaft diskutierte Moderator Falk S. Al-Omary mit Berlins Erfolgscoach Bernd Kiesewetter und Abnehm-Expertin Steffi Faigle über die Grenzen des klassischen Coaching-Begriffs, gesellschaftliche Belastungsgrenzen und warum wahre Unterstützung in der Unternehmenskultur tief im Kopf anfangen muss.
WND Salon Wirtschaft:
Falk S. Al-Omary im Gespräch mit Steffi Faigle und Bernd Kiesewetter
Ob im Business, in der Führung oder bei der persönlichen Gesundheit: Die Nachfrage nach externer Begleitung ist auf einem Allzeithoch. Doch warum greifen immer mehr Menschen – vom angestellten Leistungsträger bis zum Unternehmer – auf professionelle Hilfe zurück? Liegt es an einer zunehmenden Überforderung in einer immer schnelleren Welt oder sind wir als Gesellschaft schlicht verweichlicht?
Dieser Frage ging Falk S. Al-Omary in der aktuellen Ausgabe des WND-Salon Wirtschaft nach.
Seine Gäste: Bernd Kiesewetter (Unternehmer, Autor und Business-Mentor) sowie Steffi Faigle (Expertin für nachhaltige Gewichtsreduktion und Verhaltensänderung).
Was ist Coaching heute noch wert? Die Abgrenzung von der Phrasendrescherei
Der Begriff „Coach“ ist inflationär geworden. Ob Aufräumen, Ausmisten oder schnelle Fitness-Hacks – die Schwelle, sich selbst als Experte zu betiteln, ist durch soziale Medien extrem gesunken. Dementsprechend kritisch sehen die Studiogäste die reine Begrifflichkeit.
„Coaching ist in meiner Welt als Begriff fast schon abgenudelt. Um echte Ergebnisse zu erzielen, geht es nicht um bunte Pläne, sondern um eine tiefgreifende Verhaltensänderung und eine echte Begleitung auf Augenhöhe.“
— Steffi Faigle
Für die Praxis im Mittelstand bedeutet das: Reine Prozessbegleitung, bei der der Berater lediglich Fragen stellt, greift in vielen Fällen zu kurz. Weder in der Unternehmensführung noch bei gesundheitlichen Problemen ist Zeit für theoretische Suchspiele. Gefragt ist vielmehr Mentoring und fundiertes Sparring – also der direkte Transfer von echter Lebenserfahrung, Fachwissen und praxisprobten Abkürzungen.
Bernd Kiesewetter, der in seinem Buch „Coaching-Lügen“ mit den Oberflächlichkeiten der Branche aufräumt, betont die Notwendigkeit von Substanz: „Glaubwürdig ist jemand dann, wenn er das, was er lehrt, selbst durchlebt und gemeistert hat.“
Gesunder Geist, gesunder Betrieb: Welchen Einfluss das individuelle Wohlbefinden auf die Leistungsfähigkeit hat
Ein zentraler Punkt der Diskussion betraf die Verbindung zwischen persönlicher Verfassung und beruflicher Performance. Leistungsfähigkeit im Beruf lässt sich nicht isoliert von Emotionen, Mentalität und körperlicher Gesundheit betrachten.
Steffi Faigle verdeutlichte dies am Beispiel des Essverhaltens: Wer den ganzen Tag gedanklich von Ängsten, Selbstzweifeln oder dem Druck rund um das eigene Erscheinungsbild eingenommen wird, verliert massive mentale Kapazitäten. Das schlägt sich direkt auf den Berufsalltag nieder. Fühlt man sich im eigenen Körper unwohl, leidet das Auftreten, das Selbstbewusstsein und letztlich die Entscheidungsfreude.
Kiesewetter beschreibt dies als Zustandsmanagement (State Management), das aus drei Säulen besteht:
1. Mentale Verfassung: Die Fähigkeit, mit Informationsflut und Komplexität umzugehen.
2. Emotionale Verfassung: Der Umgang mit Stress, Druck und persönlichen Glaubenssätzen.
3. Körperliche Verfassung: Energie durch bewusste Ernährung und Regeneration.
Gerät eine dieser Säulen ins Wanken, leiden die anderen zwangsläufig mit. Für Führungskräfte im Mittelstand gilt daher: Resilienz entsteht nicht durch Appelle an Durchhaltevermögen, sondern durch ein aktives Management der eigenen Energieressourcen.
Von der Opferhaltung zur Eigenverantwortung: Resilienz als Wirtschaftsfaktor
Auf Al-Omarys provokante Frage, ob wir uns zu einer „Opfergesellschaft“ entwickeln, in der für jedes Problem eine Entschuldigung gesucht wird, plädierten die Experten für eine differenzierte Sichtweise.
Der gesellschaftliche Druck, die Informationsdichte und die Unsicherheiten durch den raschen Wandel (etwa durch KI oder Fachkräftemangel) haben objektiv zugenommen. Dennoch darf Unterstützung nicht dazu verleiten, die eigene Verantwortung abzugeben.
Die Kernbotschaften für mittelständische Entscheider:
⚬ Prävention vor Intervention: Warten Sie nicht, bis eine Krise im Business oder im eigenen Körper voll ausbricht. Rechtzeitiges Sparring schützt vor teuren Fehlentscheidungen und gesundheitlichem Burnout.
⚬ Individuelle Lösungen statt „One-Size-Fits-All“: Standardisierte Ratgeber, Pauschal-Tricks oder generische KI-Antworten ersetzen kein individuelles Sparring. Echte Veränderung beginnt dort, wo Platitüden aufhören.
⚬ Vorbildfunktion wahrnehmen: Ob im Umgang mit der eigenen Gesundheit oder bei der Mitarbeiterführung: Gesunde Routinen und mentale Klarheit müssen an der Spitze vorgelebt werden, um im Betrieb eine belastbare Kultur zu etablieren.
Für schnelle Leser, um zu bewerten, ob das Video interessant ist:
Braucht unsere Gesellschaft also wirklich so viel Coaching?
Die Diskussion zeigt: Der Mittelstand braucht keine leeren Floskeln oder unqualifizierten Ratgeber. Was Entscheider, Führungskräfte und Mitarbeiter jedoch dringender denn je benötigen, sind vertrauenswürdige Mentoren, ehrliches Feedback und eine ausgeprägte Kultur der Selbstreflexion. Nur wer die eigene mentale und physische Widerstandskraft stärkt, bleibt auch in stürmischen Zeiten handlungsfähig.
Der WND-Salon Wirtschaft ist das Talk-Format für den deutschsprachigen Mittelstand.
Video-Produktion: Wirtschaftsnetzwerk Deutschland (WND)


