Maarten-Jan Bakkum, Senior Emerging Markets-Stratege bei ING Investment Management, Den Haag

Frankfurt am Main (ots) –

von Maarten-Jan Bakkum, Senior Emerging Markets-Stratege bei ING Investment Management, Den Haag

Das weltweit stark rückläufige Wachstum belastet auch die Aktienmärkte in den Schwellenländern. Im Frühling war es zunächst das Wachstum in den USA, das ins Stocken geriet. Die Eskalation der Euro-Krise löste nicht nur in Europa, sondern auch in den USA Rezessionsängste aus. Und wie bereits im Jahr 2008 zog China nach. Faktoren wie seine Sensitivität gegenüber einem rückläufigen Weltwirtschaftswachstum und die Unsicherheit, wie die Binnennachfrage am wirksamsten anzukurbeln sei, haben den chinesischen Aktienmarkt in den letzten Monaten gebremst. Die Sorge um das Wachstum in China erklärt weitgehend, warum die Emerging Markets in diesem Jahr hinter den entwickelten Märkten zurückgeblieben sind.

Während Europa sich irgendwie durchwurschtelt und anscheinend außerstande ist, die Währungsunion zu retten, ergreift China entschlossene Maßnahmen zur Konjunkturförderung. Die Vorzeichen sind eindeutig: Zum ersten Mal seit Anfang der 1990er Jahre ist den Lokalregierungen die Emission eigener Anleihen gestattet. Das aufgebrachte Kapital soll für Investitionen in die Infrastruktur genutzt werden. Die entsprechende Entscheidung fiel vergangene Woche und stellt die erste Maßnahme zur Belebung der Inlandsnachfrage dar. Mittlerweile wurden auch die Erwerbsbeschränkungen am Immobilienmarkt sukzessive gelockert und ein Maßnahmenpaket zur Unterstützung von Kleinbetrieben angekündigt.

Bei Investoren auf den Schwellenländermärkten sorgen die positive Dynamik in China einerseits und die Misere in Europa andererseits für Konsternation. Angesichts der Rolle Chinas als wichtigstes Einfuhrland für Güter von den Emerging Markets hängt viel von den Wachstumsperspektiven des Reichs der Mitte ab. Wenn daher das Vertrauen der Anlegerschaft in die Wirksamkeit der chinesischen Maßnahmen steigt, dann stellt das auch ein starkes positives Signal für die Emerging Markets als Anlageziel insgesamt dar.

Problematisch ist indes, dass die positiven Impulse aus China durch eine weitere Eskalation der Krise in der Eurozone zunichtegemacht werden könnten. Die Risiken für Banken sowie die europäische Wirtschaft insgesamt bleiben hoch, solange sich die politischen Führungen nicht auf eine nachhaltige Lösung des Schuldenproblems einigen können. Das Systemrisiko ist mittlerweile so gewaltig, dass es sich bei Anlageentscheidungen nicht mehr ignorieren lässt, selbst wenn diese auf ganz andere Trends abzielen (wie beispielsweise die positiven Nachrichten, die in jüngster Zeit aus China vermeldet werden).

Wenn der größte Rohstoffkäufer der Welt in großem Stil seine Konjunktur ankurbelt, dann muss man auch Märkte wie Russland und Brasilien im Auge behalten. Diese beiden Märkte reagieren nicht nur sensibel auf die Entwicklung der Rohstoffpreise, sondern auch auf die allgemeine Risikobereitschaft von Investoren. Und wer hat schon Lust, weitere Risiken in sein Portfolio aufzunehmen, wenn die ersten Banken in Europa bereits wanken und eine überzeugende politische Lösung aus Berlin und Paris immer noch auf sich warten lässt?

Orginal-Meldung: http://www.presseportal.de/pm/66684/2132389/maarten-jan-bakkum-oktober-kolumne-ein-weiter-weg-von-europa-nach-china-mit-bild/api

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