Raucher kennen das Gefühl: Die Zigarette steckt bereits im Mund und wartet nur darauf, geraucht zu werden. Doch dann der Klassiker: die Hand greift auf der Suche nach dem Feuerzeug in eine leere Tasche. Ein Ersatz lässt sich jedoch meist schnell von vorbeiziehenden Fußgängern oder anderen Rauchern in unmittelbarer Nähe auftreiben. In Deutschland dürften Raucher dabei die europaweit besten Chancen haben, fündig zu werden: Nach wie vor nimmt die Bundesrepublik einen Spitzenplatz unter den EU-Ländern mit der höchsten Raucherquote ein. Rund ein Viertel der Volljährigen greifen hierzulande regelmäßig zum Glimmstängel.

Hohe Raucherquote in Deutschland: Suchtexperten fordern Präventionsstrategien

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Mit seiner liberalen Tabak- und Alkoholpolitik zieht die Politik bereits seit geraumer Zeit den Unmut von Sucht- und Präventionsexperten auf sich. Nicht grundlos wurde im jährlichen Alternativen Sucht- und Drogenbericht, der von Suchtexperten in Zusammenarbeit mit der Deutschen Aidshilfe erstellt wird, auf das Problem des Tabakkonsums hingewiesen. Die Politik lasse stichhaltige Konzepte nach wie vor vermissen, wissenschaftliche Evidenz würde bewusst unter den Tisch fallen gelassen. Auffällig dabei ist der Verweis auf die vermeintlich gesündere E-Zigarette als Alternative zum Tabakklassiker: E-Zigaretten würden nachweislich bei der Rauchentwöhnung helfen. Eine jüngst vom National Institute of Health Research in Großbritannien präsentierte Untersuchung bestätigt dies: In der Studie wurden traditionelle Nikotinersatzpräparate zur Rauchentwöhnung mit dem Einsatz von E-Zigaretten bei Entwöhnungswilligen verglichen. Nach einem Jahr waren 18 Prozent der Raucher, denen E-Zigaretten gegeben wurden, tabakabstinent – im Vergleich zu lediglich 9,9 Prozent Abstinenten in der Gruppe, die mit Präparaten behandelt wurde.

Die Profiteure: Hersteller und Anbieter expandieren rasant

In Ländern wie den USA oder China fällt der Hype um E-Zigaretten deutlich stärker aus als in Europa. Das mag auch daran liegen, dass die EU schon früh ein Limit für den Nikotinanteil in den Liquids, mit denen E-Zigaretten befüllt werden, eingeführt hat: Lediglich 20 Prozent Nikotin dürfen die Flüssigverdampfstoffe enthalten.
Nichtsdestotrotz steigt infolge des Branchenbooms auch die hiesige Zahl der Anbieter für E-Zigaretten und Zubehör. Bereits jetzt finden sich in vielen deutschen Städten Ladengeschäfte von beispielsweise Hello Vape. Gelockt werden Kunden mit kostenlosen Probe-Sessions und einer ausführlichen Beratung. Das Internet überschlägt sich zudem mit Online-Shops, in denen unzählige Anbieter um Kunden buhlen.

Paradox: Mit E-Zigaretten zur Tabakabstinenz?

Was zuerst paradox klingt, erscheint auf den zweiten Blick durchaus nachvollziehbar: Ersatzpräparate, die es als Pillen, Pflaster und in einigen anderen Formen gibt, zielen auf die langsame Reduzierung des Nikotin-Inputs ab. Mit im Verlauf der Entwöhnungstherapie immer niedrigeren Dosierungen erreichen Raucher so bestenfalls ihr Ziel, sich vom Tabak und den unzähligen Schadstoffen in Zigaretten freizumachen.
Therapien mit E-Zigaretten verfolgen prinzipiell dasselbe Ziel. Ihr Vorteil liegt darin, dass Raucher jedoch nicht auf das Rauchen an sich verzichten müssen und stattdessen dampfen können. Hersteller von E-Zigaretten werben bewusst damit, dass sich das Ziehen an ihren E-Zigaretten wie das Ziehen an einer ‚Echten‘ anfühle. Über eine kontinuierliche Reduzierung des Nikotinanteils im Liquid könne zudem eine komplette Nikotinabstinenz erreicht werden.

Tabakkonzerne verschieben Werbeetats zu E-Produkten

Diese Entwicklung zieht auch an den großen Tabakkonzernen nicht spurlos vorbei: Nachdem sich die Big Player in den letzten Jahren Anteile an den hippen Vaping- und E-Zigaretten-Start-Ups gesichert hatten, verschieben sich die Werbebudgets von Philipp Morris, Reeemtsma und Co. nun immer mehr weg von den früheren analogen Verkaufsschlagern und hin zur elektrischen Alternative. Das liegt einerseits daran, dass E-Zigaretten noch nicht vom Tabak- und Alkoholwerbeverbot an öffentlichen Plätzen betroffen sind. Doch die Umsatzkurven der E-Zigarettenhersteller sprechen für sich: Laut Verband des eZigarettenhandels haben sich die Umsätze mit elektronischen Zigaretten allein im Zeitraum von 2010 bis 2016 von fünf auf 420 Millionen Euro vervielfacht. Für das Jahr 2019 prognostiziert der Verband den Rekord von 900 Millionen Euro – eine Steigerung um 150 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr 2018.

Dampfen versus Rauchen: Politische Konsequenzen?

Die Auswirkungen können Sorge bereiten oder Hoffnung machen – abhängig davon, aus welcher Perspektive auf die Zahlen geblickt wird. Fakt ist, dass die Zahl der Raucher seit Jahren stagniert und bei Jugendlichen immer mehr abnimmt. Gleichzeitig schätzen Krankenkassen die durch das Rauchen entstandenen Folgekosten für die Gesellschaft auf jährlich 80 bis 100 Milliarden Euro. Für die Politik gilt es also, griffige Konzepte vorzulegen, bisherige Strategien neu zu evaluieren und zukunftsfähige Schlüsse daraus zu ziehen. Rauchen ist in der öffentlichen Debatte jedoch nach wie vor ein leicht entzündliches Thema. Die jährlich 100.000 Tabaktoten allein in Deutschland sollten allerdings Beleg genug dafür sein, dass es an der Zeit ist, Dampf in der Sache zu machen.

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Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche
Alexandra Rüsche gehört seit 2009 der Redaktion Mittelstand-Nachrichten an. Sie schreibt als Journalistin über Tourismus, Familienunternehmen, Gesundheitsthemen, sowie Innovationen. Alexandra ist Mitglied im DPV (Deutscher Presse Verband - Verband für Journalisten e.V.). Sie ist über die Mailadresse der Redaktion erreichbar: redaktion@mittelstand-nachrichten.de
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